Die Marke ist das Erfolgsrezept
Interview mit Guido Puhlmann und Eberhard Henne
Herr Puhlmann, seit 2005 gibt es die Dachmarke Nationale Naturlandschaften. Wird sie im Mittelpunkt Ihrer Arbeit als neuer Vorsitzender von EUROPARC Deutschland stehen?
Puhlmann: Ja, zumindest auf der institutionellen Ebene. Die Dachmarke wurde abgestimmt zwischen dem Bund, den Ländern und den einzelnen Schutzgebieten. Das war eine Riesenleistung. Jetzt geht es darum, die Möglichkeiten zu nutzen, die eine solche Marke bietet – gerade für die Schutzgebiete vor Ort. Zudem wollen wir den Service für unsere Mitglieder verbessern. Das ist kurz gesagt meine Agenda für die kommenden Jahre.
Diese Agenda wird auf der inhaltlichen Ebene ganz im Zeichen der großen globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, dem weltweiten Wettlauf um die Energieressourcen, dem Nahrungs- und Wassermangel und der daraus resultierenden Folgen für den Natur- und Artenschutz auch bei uns in Deutschland stehen.
Henne: Die Marke Nationale Naturlandschaften zu schaffen, hat viel Mühe gekostet. Es wird wohl noch einmal so viel Mühe kosten, sie dauerhaft zu etablieren. Aber in einem bin ich mir sicher: Die Marke ist das Erfolgsrezept von EUROPARC Deutschland schlechthin.
Mit dem Kreis in den drei Farben werben die einzelnen Nationalen Naturlandschaften für ihr Schutzgebiet, so wie hier der Naturpark Hessische Rhön. Jedes Gebiet - ob Nationalpark, Biosphärenreservat oder Naturpark - hat einen Kreis mit einer eigenen Farbkombination.
Hilft Ihnen dabei, dass Naturlandschaften nicht nur Erholungs- und Lernorte sind, sondern gleichzeitig als Entwicklungsmotor von Regionen wirken können, etwa über den Tourismus?
Puhlmann: Ein Großteil der schönsten Naturlandschaften in Deutschland besitzt mit der Dachmarke jetzt einen Namen. Wenn eine Region diesen Namen trägt, so ist das auch wirtschaftlich ein Vorteil. Gleichwohl ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Einzelne Dinge müssten dafür noch konsequenter umgesetzt werden als bisher.
Sie spielen auf den Föderalismus an? Immer wieder wird kritisiert, dass es an vergleichbaren Zahlen zu Investitionen in den Naturschutz mangele. Brauchen wir mehr übergeordnete Strukturen und Standards?
Puhlmann: Naturschutz ist Ländersache, die Finanzierung auch. Das hat durchaus Vorteile. Zugleich macht der Naturschutz nicht vor Ländergrenzen halt. Ich glaube deshalb, dass insgesamt mehr zentrale Koordination notwendig ist. Das europäische Naturschutzrecht hat schon einiges gebracht, weil vieles übergeordnet koordiniert wird. So fordern die Berichtspflichten der EU sowohl Bund als auch Länder gleichermaßen. Bestimmte Qualitätsanforderungen und Grenzen für Eingriffe in die Naturräume werden damit besser durchsetzbar, weil transparenter. Das Verschlechterungsgebot der FFH-Richtlinie und die Anforderungen der Wasserrahmenrichtlinien sind schon starke Schutzinstrumente. Dennoch gibt es eine Lücke. Wir versuchen, diese Lücke ein Stück weit zu schließen. Deshalb würden wir uns auch mehr und konsequentere Einflussnahme von Seiten des Bundes wünschen.
2007 hat die Bundesregierung die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen. Ist sie nicht ein Paradebeispiel für eine stärkere nationale Einflussnahme?
Puhlmann: Keine Frage, das ist sie. Für die Länder, wo die Dinge letztlich umgesetzt werden müssen, heißt das aber noch wenig. Dort gibt es in Sachen Umsetzung der Artenschutzziele viele positive Beispiele. Was dennoch fehlt, ist ein Standard, der quer durch alle Länder geht. Wenn Sie bei Ihrer Recherche kaum vergleichbare Zahlen zu den Investitionen in den Naturschutz finden konnten, ist das also kein Zufall oder Ihrer Suchweise geschuldet.
Fairerweise muss man aber sagen, dass der Wettbewerb auch gute Seiten hat. Einige Bundesländer gehen voran, was zu einem Nachahmeffekt führt. Nicht nur Länder wie Bayern, wo wir nächstes Jahr das Jubiläum 40 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald begehen, zählen zu den Vorreitern. Auch Mecklenburg-Vorpommern hat einen großen Anteil an Schutzgebieten. Oder Brandenburg.
Das Stichwort „Biologische Vielfalt“ ist bereits gefallen. Würden Sie sagen, dass Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks ein „Garant“ für den Erhalt der Biodiversität in Deutschland sind?
Puhlmann: Vielleicht kein „Garant“, weil das einen kontinuierlichen, vorhersehbaren Verlauf implizierte. Aber sie sind definitiv ein „Rückgrat“ der Biodiversität.
Henne: Um im Bild zu bleiben: Für mich sind die Naturlandschaften die „Knotenpunkte“ der Biodiversität in der Bundesrepublik. Ohne sie bricht das mühsam geknüpfte Netz an Schutzmaßnahmen zusammen, was eine große Herausforderung ist. Auf Grund der Klimaveränderungen brauchen wir zunehmend großflächige Schutzgebiete für unsere Arten sowie Wanderungskorridore.

Die Sächsische Schweiz: Ein Ort von vielen in den Nationalen Naturlandschaften, an dem sich biologische Vielfalt entwickeln kann.
2008 fand die 9. Vertragsstaatenkonferenz in Bonn statt, die Zahl der Großschutzgebiete ist bereits angewachsen. Ist Deutschland insgesamt nicht auf einem guten Weg, was die Umsetzung des 2010-Ziels der Reduzierung von Artenverlusten angeht?
Henne: Dass wir das 2010-Ziel verfehlen werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Flächenmäßig sind wir gut aufgestellt, aber finanziell ist es – mit Verlaub – eine Katastrophe, was sich Deutschland hier leistet. Selbst in den großen Parks, die uns wertvolle Auskünfte über die Anpassungen an den Klimawandel liefern sollen, wird das Personal gekürzt. Dass wir sparen müssen, auch wenn es weh tut, ist für mich nachvollziehbar. Wenn aber bis zu 30 Prozent der Budgets etwa in Brandenburg zusammengestrichen werden, dann sprengt das den Rahmen.
Puhlmann: Man ist beim 2010-Ziel nicht so weit, wie man sein könnte. Das hängt mit dem Föderalismus zusammen und natürlich mit den Finanzen. Aber auch mit anderen Dingen, die wir uns selbst ankreiden müssen. Naturschutz funktioniert nur, wenn die Menschen emotional berührt werden, sich mit „ihren“ Schutzgebieten vor Ort identifizieren und sich für sie verantwortlich fühlen, wie dies mit bestimmten lokalen Bauwerken, etwa Kirchen funktioniert. Das Sankt-Florians-Prinzip gilt jedoch auch hier: Schwer wird es immer dann, wenn es einen selbst betrifft. Nehmen Sie etwa die Rückverlegung von Deichen. Dort sinkt der Zuspruch augenblicklich, wenn der Deich plötzlich dichter an die eigene Haustür rückt.
Das 19. Jahrhundert gilt als die Wiege des Artenschutzes. 1872 entstand in den USA der erste Nationalpark. Ingesamt ist die Zeit geprägt von der Entstehung der botanischen und zoologischen Gärten, der Musealisierung, dem Hang zur Archivierung und Katalogisierung. Das Kommen und Gehen von Arten hat es historisch betrachtet immer gegeben…
Puhlmann: Keine Frage, das ist wohl ein Allgemeinplatz. Die entscheidende Frage ist hingegen, in welchen Zeiträumen die Arten kamen und gingen. Alle einschlägigen Untersuchungen zeigen, dass die Zeiträume kürzer geworden sind, gerade in Mitteleuropa. Nach meinem Verständnis gehören in eine Flusslandschaft oder eine Gebirgslandschaft spezifische Arten. Wenn am Ende dort nur noch die „Allerweltsarten“ vorkommen, wie etwa in den Städten, wo die Artenvielfalt bekanntermaßen zunimmt, dann läuft etwas falsch.
Welche Rolle spielt in diesem Kontext die aktuelle Erschließung neuer Anbauflächen für Biomasse? Sehen Sie einen Interessenkonflikt zwischen Bioenergie und Biodiversität, Monokulturen und Artenvielfalt?
Henne: Ich komme aus einer der am stärksten betroffenen Regionen Deutschlands, mit Schwedt vor der Haustür und Penkun ganz in der Nähe, dem riesigen Biogasanlagen-Park. Hier erlebe ich Dinge, die unter der Prämisse der Umsetzung der 2020-Ziele zum Klimaschutz – also der spürbaren Reduktion des CO2-Ausstoßes sowie der Steigerung des Anteils regenerativer Energieträger – kaum gutzuheißen sind. Nicht nur, weil wichtige Stilllegungsflächen fehlen, da nun überall der Biomasse-Anbau erfolgt. Wir sprechen hier von gigantischen Monokulturen, die das Wasser aus dem Boden ziehen. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn die Moore austrocknen und Seen verschwinden.
Puhlmann: Die Dosis macht bekanntlich das Gift. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ist es bedenklich, großflächig dieselben Sorten über Jahre anzubauen. Wenn die Fruchtfolge nicht mehr stimmt und kein Viehbesatz mehr da ist, dann läuft langfristig etwas aus dem Ruder. Rapsfelder sind im Sommer – abgesehen von den Insekten – so tot wie Betonflächen. Dort finden Sie keine Feldlerche mehr. Insgesamt spielt sich all das zumindest größtenteils allerdings auf den Flächen ab, die ohnehin schon einer intensiven Nutzung unterliegen. Das ist ein schwacher Trost.
Dasselbe wäre am Beispiel gentechnisch veränderter Pflanzen zu fragen, die in Zukunft einen Beitrag zur Energie- und Futterpflanzenproduktion gerade in der von Ihnen genannten Region leisten könnten, indem sie hitze- und schädlingsresistenter sind. In Ihrem „Ersten Fortschrittsbericht“ sprechen Sie davon, dass gentechnisch veränderte Organismen gestoppt werden müssen. Warum?
Puhlmann: Die Ansätze der grünen Gentechnik sind bislang vor allem ökonomischer Natur. Die Technologie ist in ihren Folgen, das heißt der Beeinflussung angestammter Arten, aus meiner Sicht aber nicht kalkulierbar. Landschaften sind etwas über lange Zeiträume Gewachsenes. Wir zehren heute in der Landwirtschaft vom Humus der Vergangenheit. Mancherorts ist die Decke aber schon zentimeterdünn. Für die Biosphärenreservate etwa ist der Anteil des Ökolandbaus zudem ein wichtiges Schutzkriterium. Wenn die Gentechnik zu weit Fuß fasst, wird es dort keine Zertifizierungen mehr geben.
Deutschland hat im Herbst 2009 gewählt. Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der neuen Bundesregierung für die Zukunft von EUROPARC?
Puhlmann: Die damalige Bundesregierung, vor allem das Umweltministerium, hat uns ermutigt, die Dachmarke „Nationale Naturlandschaften“ zu entwickeln. Wir erwarten nun, dass sie von der Politik weiter unterstützt wird, sowohl in den Parteien, als auch in den Ausschüssen. Denn das Konzept bietet große Chancen, die Deutschland in Europa und weltweit nutzen kann. Diese Landschaften sind international und national vernetzt, die Aktionsfelder sind aber auf lokaler Ebene und damit für Bewohner und Besucher erlebbar. Schutz der Biodiversität und Klimaschutz zwischen Klimafolgenanpassung fangen beim Junior Ranger, bei der Umweltbildung in den Schulen oder bei der Gewässerrenaturierung an. Inhaltlich koordiniert und in der Gesamtschau bewirken solche Aktivitäten in den Nationalen Naturlandschaften jedoch sehr viel. Hier entstehen gute Ideen und die erprobten Beispiele die in Zukunft gebraucht werden, also konkrete Ergebnisse und Kompetenz für weiteres Handeln. Wie bei anderen Erfolgsgeschichten, etwa der Entwicklung der regenerativen Energien, gilt auch hier: „Tue Gutes und rede darüber.“
Henne: Aus meinen Gesprächen im Rahmen der Europarc Federation weiß ich, dass man etwa in England oder in den nordischen Staaten genau darauf achtet, was in Deutschland in punkto Naturschutz vor sich geht. Wir sind beim Naturschutz in der Rolle von Vorreitern – oder werden im Ausland zumindest so wahrgenommen. Deshalb müssen wir immer wieder klar machen, dass Naturschutz nichts mit ökologischem Aktionismus zu tun hat. Er ist wichtig für uns alle. „Soziale Zukunftsvorsorge“ heißt für mich persönlich nicht nur Bildung und Rente. Sie bedeutet auch, an den Erhalt der Umwelt zu denken.
Guido Puhlmann ist seit diesem Jahr Vorstandsvorsitzender von EUROPARC Deutschland und Sprecher der AG Biosphärenreservate. Puhlmann (46) studierte Meliorationsingenieurwesen an der Universität Rostock und übernahm 1990 die Ressortleitung der Unteren Naturschutzbehörde im Landkreis Rosslau. Anschließend wechselte er in die staatliche Wasserwirtschaftsverwaltung nach Dessau bzw. in Wittenberg und befasste sich hier als Dezernatsleiter mit dem Hochwasserschutz der Wasser-wirtschaftsverwaltung Sachsen-Anhalt. Seit 1998 ist er Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe, die 2004 dem Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt zugeordnet wurde.
Dr. Eberhard Henne war von 2000 bis 2009 Vorstandsvorsitzender von EUROPARC Deutschland. Henne (66) studierte und promovierte an der Humboldt-Universität Veterinärmedizin. Von 1970 bis 1990 war er praktizierender Tierarzt im brandenburgischen Kreis Angermünde, wo er 1990/91 Umweltdezernent war. Von September 1991 bis Ende April 2008 leitete er das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. 1998 folgte das SPD-Mitglied der Berufung zum Umweltminister des Landes Brandenburg. Eberhard Henne ist seit diesem Jahr Mitglied des Council der Europarc Federation, dem europäischen Dachverband von EUROPARC Deutschland.
Dr. Andreas Möller, Jahrgang 1974, arbeitet als Wissenschaftskoordinator und Publizist in Berlin. Zuvor war der promovierte Germanist und Wissenschaftshistoriker mehrere Jahre als Journalist tätig, u. a. für das Deutschlandradio Kultur.
2009 © EUROPARC Deutschland
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Der Verein ist im Vereinsregister des Amtsgerichtes Berlin-Charlottenburg unter der Nummer VR 21396 Nz eingetragen. Er wird vertreten durch den Vorstandsvorsitzenden Guido Puhlmann sowie seinen Stellvertretern Karl Friedrich Sinner, Dr. Johannes Hager sowie Holger Wesemüller.

