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Buchenwälder als Weltnaturerbe

UNESCO-Anerkennung beantragt
 
Dem Welterbe-Komitee liegt seit 2007 ein Vorschlag vor, deutsche Buchenwälder als Welterbe anzuerkennen. Die fünf zur Nominierung vorgeschlagenen Gebiete repräsentieren die wertvollsten verbliebenen Buchenbestände Deutschlands. Die Anerkennung, die frühestens 2011 erreicht werden kann, ist das gemeinsame Ziel der Länder Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, zusammen mit dem Bund.

Die Galapagos-Inseln und die Altstadt von Krakau, der Yellowstone-Nationalpark und der Aachener Dom sind Welterbestätten. Bestimmte Kulturdenkmäler sowie besondere Landschaften und Naturphänomene gelten als ideeller Besitz der ganzen Menschheit und sind deshalb Bestandteil des Welterbes.
Das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt wurde 1972 von der UNESCO verabschiedet und trat 1975 in Kraft. Bis heute sind 181 Staaten dem Übereinkommen beigetreten, Deutschland im Jahr 1976. Zentrale Idee der Konvention ist die „Erwägung, dass Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden müssen“, heißt es in der Präambel.
 
Außerordentlicher universeller Wert
Mit Stand im Juli 2009 umfasst die Welterbe-Liste 890 Stätten, davon 33 in Deutschland. Kulturstätten dominieren auf der Welterbe-Liste. Bis 2009 das Wattenmeer als Weltnaturerbe aufgenommen wurde, war Deutschland auf der Weltnaturerbe-Liste lediglich mit der Grube Messel in Hessen aufgrund ihrer Fossilienvorkommen vertreten.
 
Im Rahmen einer 2004 im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz erstellten Studie wurden potentielle Naturerbegebiete in Deutschland identifiziert. Unsere Rotbuchenwälder gehören dazu. Zwei weitere Studien begründeten 2006 die Nominierung von Buchenwaldvorkommen in Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Im Februar 2007 fanden die „Deutschen Buchenwälder“ Eingang in die deutsche Vorschlagsliste für das Weltnaturerbe. 
Nationalpark Kellerwald-Edersee
Foto: Nationalpark Kellerwald-Edersee
 
Zur Anerkennung als Welterbe muss ein „außergewöhnlicher universeller Wert“ der vorgeschlagenen Landschaft belegt werden. Tatsächlich weisen unsere Buchenwälder Alleinstellungsmerkmale auf: 
  • Die deutschen Buchenwälder sind Laubwälder, die nur von einer Baumart, der Rotbuche (Fagus sylvatica), dominiert werden. 
  • In ihrer Verbreitung sind diese Buchenwälder auf Europa beschränkt. Ohne Einfluss des Menschen würden sie in Mitteleuropa landschaftsprägend sein. In Deutschland wären rund 2/3 der Landfläche von Buchenwäldern bedeckt.
  • Die Buche hat es aufgrund ihrer großen ökologischen Potenz geschafft, nach der Eiszeit vor 4.000 Jahren aus kleinen Rückzugsgebieten im Süden und Südosten Europas heraus weite Teile Europas zu besiedeln. Dieser ökologische Prozess dauert noch an und stellt ein weltweit einmaliges Beispiel dar, wie eine einzige Baumart sich gegenüber ihren Konkurrenten durchsetzen und auf großer Fläche dominieren kann.
  • Buchenwälder besiedeln ein breites Spektrum an Standorten in einem weiten Klima- und Höhenrahmen, von trocken bis feucht, von nährstoffarm bis nährstoffreich, von stark sauer bis kalkreich. Die verschiedenen Buchen-Waldgesellschaften stellen trotz der Dominanz nur einer Baumart in unseren Breiten einen Haupt-Lebensraum für viele Pflanzen, Tiere und Pilze dar. Besonders seit längerer Zeit unbewirtschaftete Buchenwälder zeichnen sich durch eine hohe Artenvielfalt aus. So wird allein die Zahl der Tierarten in Buchenwäldern auf rund 6.000 geschätzt.
  • Die Geschichte der Buche ist eng mit der Kulturgeschichte der europäischen Zivilisation verbunden. Die nacheiszeitliche Rückbesiedlung der Landschaft durch die Buche verlief parallel zur Sesshaftwerdung des Menschen und zur Herausbildung höher organisierter Gesellschaftsformen. Daher ist die Buche tief in unserer Kultur verwurzelt. Worte wie Buch oder Buchstabe, aber auch die Namen von etwa 1.500 Orten allein in Deutschland, lassen sich auf die Buche zurückführen.
Kriterium der Unversehrtheit
Neben dem „außergewöhnlichen universellen Wert“ ist die „Unversehrtheit“ der potentiellen Welterbestätte sehr wichtig. Hier stellt sich die Situation unserer Buchenwälder nicht unproblematisch dar. Im einstigen Buchen-Waldland Deutschland sind Buchenwälder auf nur noch 6,6 % ihrer potentiellen Fläche erhalten geblieben. Diese verbliebenen, allesamt bewirtschafteten Flächen sind von einem Mangel an Strukturen, vor allem dem Fehlen von Totholz, gekennzeichnet. Nur 6 % dieser Buchenwälder sind älter als 160 Jahre. Größere zusammenhängende Flächen sind selten. Echte Buchen-Urwälder sind längst verschwunden und mit ihnen auch Arten wie Wolf und Bär sowie viele Urwaldbewohner unter den Insekten. Lediglich im östlichen Mitteleuropa, v.a. in den Karpaten, sind noch Buchen-Urwälder verblieben. Zehn dieser Gebiete in der Slowakei und der Ukraine mit einer Gesamtfläche von ca. 30.000 ha wurden im Juni 2007 als Weltnaturerbe „Karpaten-Buchenwälder“ aufgenommen.
 
Erst seit einiger Zeit können sich auch in Deutschland wieder Buchenwälder in Nationalparken, Kernzonen von Biosphärenreservaten und Naturwaldreservaten natürlich entwickeln. Der Anteil von Buchenwäldern mit Prozessschutz ist mit ca. 1 % an der Gesamtbuchenwaldfläche allerdings sehr gering. Ein weiterer Buchen-Nationalpark wäre daher sehr zu begrüßen. Der jetzt in Diskussion befindliche Vorschlag „Steigerwald“ in Franken hat zweifellos das Potential dazu.
 
Wertvolle Waldflächen
Die fünf für die Nominierung vorgeschlagenen Gebiete repräsentieren die wertvollsten verbliebenen, größeren Reste naturnaher Buchenbestände in Deutschland. Forstliche Nutzung findet hier zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr statt. Innerhalb dieser Gebiete werden die naturnahsten Teilflächen als Weltnaturerbe vorgeschlagen.
 
Als Welterbe sollen nominiert werden:
 
Nationalpark Hainich
Bundesland: Thüringen
Ausweisung: 1997
Größe: 7.500 ha
Nationalpark Hainich, Foto: Thomas Stephan
Der Nationalpark Hainich repräsentiert den Buchenwald auf Kalkgestein in mittlerer Höhenlage. Dieser Wald zeichnet sich durch besonders reiche Frühblüherbestände und einen großen Baumartenreichtum aus. Der Hainich ist Lebensraum für die Wildkatze, sieben Spechtarten und eine große Zahl holzbewohnender Insekten. In den Zentralbereichen fand seit rund 40 Jahren keine Nutzung mehr statt. Heute weist der Hainich mit ca. 5.000 ha die größte nutzungsfreie Laubwaldfläche Deutschlands auf.
  
Nationalpark Kellerwald-Edersee
Bundesland: Hessen
Ausweisung: 2004
Größe: 5.724 ha
Nationalpark Kellerwald-Edersee - Ruhlauber Totholz
Der Nationalpark Kellerwald-Edersee schützt den für die deutschen Mittelgebirge typischen bodensauren Buchenwald auf Schiefer und Grauwacke. Das kompakte Buchenwaldgebiet ist von Straßen unzerschnitten und frei von Siedlungen. Mehr als 1.000 ha Altbuchen über 160 Jahre, kleine urwaldähnliche Bereiche, Bachtäler und wertvolle Sonderbiotope beherbergen eine reiche Ausstattung an laubwald-typischen Lebensgemeinschaften. 15 Fledermausarten, Schwarzstorch, Pfingstnelke oder das Urwaldrelikt Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer gehören zu den Gütezeigern. Mit einem Flächenanteil von über 80 % ohne Nutzung verkörpert der Nationalpark die derzeit größte Prozessschutzzone im Silikatbuchenwald zumindest in Deutschland.
 
Nationalpark Jasmund
Bundesland:  Mecklenburg-Vorpommern
Ausweisung: 1990
Größe: 3.000 ha
Nationalpark Jasmund, Foto: I. Stodian
Der Nationalpark Jasmund ist dem Schutz der ungestörten Naturentwicklung des größten zusammenhängenden Buchenwaldes an der Ostseeküste gewidmet. Auf basenreichem Geschiebelehm und Schreibkreide hat sich im Kontaktbereich zum Meer ein 2.100 ha großer Buchenwald erhalten. Das raue Küstenklima und das ausgeprägte Relief der Jungmoränenlandschaft führen zu einem breiten Spektrum verschiedener Buchenwaldgesellschaften. An den Kreidekliffs hat der Buchenwald eine natürliche Waldgrenze. Zahlreiche Bodendenkmale weisen auf eine frühgeschichtliche Besiedlung schon vor der Ausbreitung der Buche hin. Seit 1990 wird der Buchenwald nicht mehr durch wirtschaftsbestimmte Eingriffe beeinflusst.
 
Müritz-Nationalpark
Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern
Ausweisung: 1990
Größe: 32.000 ha
Müritz-Nationalpark
Im Serrahn-Teil des Müritz-Nationalparks wächst ein 170 ha großer Buchenwald, der erahnen lässt, wie Buchenurwälder einstmals ausgesehen haben können. Auf Sanden der Weichseleiszeit hat sich nach fast vollständiger anthropogener Entwaldung in slawischer oder frühdeutscher Zeit ein Buchenwald entwickelt, der in Teilen seit 50 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wird und der das Regenerationspotenzial von Buchenwäldern beeindruckend erlebbar macht. Der Serrahner Buchenwald repräsentiert die basenarme Variante des Tiefland-Buchenwaldes.
 
UNESCO-Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin
Totalreservat Grumsiner Forst
Bundesland: Brandenburg
Ausweisung: 1990
Größe: 129.000/ 670 ha
Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin
Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin befinden sich die größten noch zusammenhängenden Tiefland-Buchenwälder Europas. Der Grumsiner Forst ist dabei das größte Totalreservat. Er ist geprägt von den Endmoränenzügen der Weichseleiszeit, mit tiefen Senken und schroffen Höhenzügen. In den Senken befinden sich Moore verschiedenster Ausprägung. Der aktuell vorherrschende Waldökosystemtyp ist der Flattergras-Buchenwald. Waldgeschichtliche Nachforschungen haben ergeben, dass der Grumsiner Forst ein alter Waldstandort ist, wenn es auch einen Wandel der Nutzungsarten und -intensitäten gab. Das Gebiet ist seit fast 20 Jahren nutzungsfrei.
 
Ergebnis offen
Mit diesen fünf Gebieten repräsentiert der deutsche Beitrag die unterschiedlichen Buchenwaldtypen im Zentrum des Buchenwaldareals und wäre damit eine hervorragende Erweiterung der UNESCO-Welterbegebiete der Ukraine und Slowakei in den Gebirgslagen der Karpaten.
Bis zum Herbst 2009 wollen die beteiligten Bundesländer einen Antrag erarbeiten, der die Aufnahme dieser Buchenwälder als Weltnaturerbe begründet. Dieser Antrag soll dem Welterbe-Komitee Anfang 2010 zur Prüfung eingereicht werden. Nach einer anschließenden Begutachtung durch die IUCN (International Union for Conservation of Nature)könnte eine Entscheidung über die Anerkennung bei der Sitzung des Welterbekomitees im Jahr 2011 fallen.
Ein Erfolg der deutschen Bewerbung ist nicht selbstverständlich. Die Jahrhunderte lange Siedlungs- und Nutzungsgeschichte hat in Deutschland alle Buchenwälder mehr oder weniger verändert und beeinträchtigt. Dies betrifft auch die vorgeschlagenen Gebiete. Hier sind in Zukunft sicherlich weitere Anstrengungen notwendig, um die Qualität der Nationalparke als Flaggschiffe des Waldnaturschutzes weiter zu verbessern. Mit der Bewerbung soll es auch gelingen, Buchenwälder und ihre Bedeutung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und vorhandene Schutzdefizite abzubauen.
Als gemeinsame Aktion der vier beteiligten Länder entstand die Internetseite www.weltnaturerbe-buchenwälder.de. Hier können Interessierte umfangreiche Informationen zum Thema Weltnaturerbe sowie zu den letzten naturnahen Buchenwäldern Europas abrufen. Gleichzeitig wurden ein Faltblatt sowie eine Broschüre herausgegeben. Informationsveranstaltungen, Ausstellungen und Vorträge ergänzen die Öffentlichkeitsarbeit. Der Nominierungsprozess und die gemeinsame Öffentlichkeitskampagne der Länder finden Unterstützung durch das Bundesumweltministerium. So besuchte am 28. Juli dieses Jahres Bundesumweltminister Siegmar Gabriel den Nationalpark Hainich, um sich vor Ort über das Vorhaben zu informieren.
 
Manfred Großmann, Leiter Nationalpark Hainich
www.nationalpark-hainich.de
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