Leben im Todesstreifen - Das Tafelsilber der deutschen Einheit wird 20
Im Herbst 1989 nutzten Naturschützer die Chance, unberührte Landschaften in der DDR unter Schutz zu stellen. Dank ihrer Hartnäckigkeit bekam das neue Deutschland neue Nationalparks.
Foto: Uli Messner
Ausgerechnet für den Naturschutz bot die Vereinigung der deutschen Autofahrernation West und Ost eine einzigartige Chance – die eine Hand voll ostdeutscher Naturfreunde nutzte. 40 Jahre lang hatte das SED-Regime mit den Methoden der Diktatur geherrscht, über Mensch und Natur. Immer zum Nachteil der Menschen, oft zu dem der Natur, etwa beim Braunkohletagebau oder in der Chemieindustrie um Bitterfeld – in einigen seltenen Fällen aber und von den Machthabern unbeabsichtigt, profitierten Flora und Fauna vom real existierenden Sozialismus. Denn als die Diktatur1989 ins Wanken gerät, sind nach Schätzungen des Ökologieprofessors Michael Succow 15 Prozent der Landschaft der DDR „in noch relativ unverbrauchtem Zustand“. Jahrzehntelang hatte sie kein Normalbürger mehr betreten, weil sie „Staatsjagden“, militärische Sperrgebiete oder „Grenzsicherungsräume“ waren. In den einen wollten Honecker und Co. ungestört von ihren Arbeitern und Bauern auf Wildschweine schießen, in den anderen wurde direkt auf eindringende Arbeiter und Bauern geschossen. Der Nebeneffekt für die Natur: sie konnte sich hier ungestört entfalten, seltene Pflanzen sprießen, bedrohte Tierarten gedeihen – und plötzlich waren Bonzen und Bewaffnete weg und ihre Spielwiesen verfügbar.
Michael Succow, der Mann, der ein neues, grünes Deutschland will, ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und blickt auf eine wechselhafte Karriere im real existierenden Sozialismus zurück. 1968/69 sympathisierte er mit dem Prager Frühling und musste deswegen seine Assistentenstelle an der Uni Greifswald verlassen. 1982 wird er Mitglied der Blockpartei LDP und 1987 Abgeordneter der Volkskammer, in der er im Ausschuss für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft mitarbeitet. „Wer nicht brav war, musste sich eben durchwurschteln“, erklärt er seine Wendungen Jahre später einer Zeitungsreporterin. Der Naturschutz-Pionier der DDR Kurt Kretschmann habe ihm geraten: „Als außenstehender Kritiker nützt man dem Naturschutz nichts.“ Vertraut hat das Regime Succow trotzdem nicht. In seiner Stasi-Akte liest er später, dass ihn zehn Menschen, darunter Freunde, Kollegen und Nachbarn, bespitzelten. Für den Naturschutz engagiert sich Succow, Sohn eines Landwirts, seit Jahrzehnten. 1970 schickte er der Volkskammer eine erste Petition, die die Einrichtung von Nationalparks anregt – ohne Erfolg. Mehr hat er bei den Funktionären in der Fläche, denen er jedes Moor einzeln abtrotzt. In der späten DDR berät Succow SED-Kader wie Bürgerrechtler zum Thema Naturschutz. Im Dezember 1989 fragt er in einem Zeitungsartikel „Wo bleiben unsere Nationalparks?“ Keinen Monat später sieht er die einmalige Chance, dass sein Traum Wirklichkeit wird. Im Januar 1990 holt der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow ihn als stellvertretenden Umweltminister in seine Regierung. 
An der Müritz, Mecklenburgische Seenplatte und ehemals Gebiet einer Staatsjagd und Truppenübungsplatz, fordert eine Bürgerinitiative schon seit mehreren Monaten die Errichtung eines Nationalparks. Foto: Uli Messner
Im Februar 1990 stellt Succow dem Runden Tisch in Berlin seine Idee eines Nationalparkprogramms vor, das solche Gebiete großflächig unter Schutz stellen würde. Er bekommt Zustimmung und macht sich sofort an die Arbeit. Ein erstes Zwischenziel erreicht die etwa zehnköpfige Gruppe um Succow am 16. März 1990. In ihrer letzten Ministerratssitzung fasst die Übergangsregierung Modrow einen Beschluss, der ganze Landstriche vorläufig unter Schutz stellt. Zwei Tage später wählen die DDR-Bürger die erste freie Volkskammer und stellen die Weichen auf Vereinigung – den Naturschützern ist klar, dass jetzt alles ganz schnell gehen muss. Das westdeutsche Umweltministerium von Klaus Töpfer kommt ihnen zu Hilfe, die bundesdeutschen Beamten schreiben an den Rechtstexten für die Schutzgebiete mit. Im Mai scheidet Michael Succow nach einem Streit mit dem neuen Umweltminister zwar aus der Regierung aus. Trotzdem geht die Arbeit am Nationalparkprogramm fieberhaft weiter, alles muss bis zum 12. September vorbereitet sein, an dem die DDR-Regierung ein letztes Mal zusammentreten soll. In den Tagen zuvor arbeiten die Beamten Tag und Nacht, um Karten und Verordnungen vorzulegen. Am 12. September geht dann doch noch fast alles schief: Erst wollen die Minister das Nationalparkprogramm gar nicht mehr auf die Tagesordnung nehmen, dann wird der Umweltminister aus der Sitzung ins Parlament gerufen, weil die Müllwerker streiken. Bei seiner Rückkehr geht die Ministerrunde gerade auseinander. Doch es gelingt, alle noch einmal zusammenzubringen. In den letzten sieben Minuten der letzten Sitzung der letzten DDR-Regierung wird das Nationalparkprogramm verabschiedet. In den folgenden Wochen setzen die DDR-Unterhändler gegen den Widerstand des westdeutschen Verkehrs- und des Landwirtschaftsministeriums durch, dass das Programm in den Einigungsvertrag aufgenommen wird.
Als die DDR am 3. Oktober 1990 zu existieren aufhört und Teil der Bundesrepublik wird, wird das neue Deutschland um fünf Nationalparks, sechs Biosphären-Reservate und drei Naturparks reicher. Für Umweltminister Klaus Töpfer sind sie das „Tafelsilber der deutschen Einheit“ - für Seeadler, Wildkatzen und Eulen sind die Nationalparks Jasmund, Vorpommern, Müritz, Harz und Sächsische Schweiz geschützte Rückzugsgebiete, die es fast nirgendwo sonst mehr gibt. In den Biosphärenreservaten Rügen, Schorfheide, Spreewald, Elbe, Rhön und Vessertal sowie in den Naturparks Schaalsee, Drömling und Märkische Schweiz muss der wirtschaftende Mensch besondere Rücksichten auf die Natur nehmen. Und das neue, ökologische Deutschlands funktioniert auch ökonomisch: Millionen Menschen haben seit 1990 in Succows Schutzgebieten Ruhe und Erholung gesucht. In strukturschwachen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern entstanden Arbeitsplätze, die es ohne Nationalparks nicht gäbe. In der alten Bundesrepublik hatte es übrigens mehr als 20 Jahre gedauert, bis Teile des Wattenmeeres zum Nationalpark wurden. So wurde der Untergang der DDR zu einem großen Schritt für die deutsche Nation – und für den Naturschutz in Deutschland.

Der Textautor Christian Siepmann studiert an der Deutschen Journalistenschule in München.
Er ist freier Autor und arbeitet u.a. für Spiegel Online und den Unispiegel.
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2010 © EUROPARC Deutschland
Dachverband der Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks - Nationale Naturlandschaften
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