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Hasankeyf und das Tigristal

Wird Bürgerengagement in der Türkei ein UNESCO-Welterbe erstreiten?

Hasankeyf und das Tigristal sind ein Welterbe ersten Ranges. In dieser Region hat einst die Entwicklung unserer Zivilisation begonnen. Seit 50 Jahren aber bangen die Bewohner des Tigristals im Südosten der Türkei, nahe den Grenzen zu Syrien und Irak, um ihre Heimat: Der gigantische Ilisu-Staudamm, der über 300 km² Land unter Wasser setzen würde, soll gebaut werden.

Aturkidenbrücke nach Hasankeyf

Dort, wo sich einst die mächtige von Aturkiden (einem Turkvolk) erbaute Brücke nach Hasankeyf spann, ist der Tigris von außergewöhnlicher Schönheit und bildet ein besonders harmonisches Zusammenspiel von Natur und Kultur.

Als sich seit den 90-er Jahren Unternehmen, Geldgeber und Regierungen aus acht verschiedenen Ländern am Bau des Ilisu-Staudamms beteiligen wollten, wurde die internationale Aufmerksamkeit auf die Einzigartigkeit des vom Untergang bedrohten Gebietes gelenkt: Das Tigristal mit seiner antiken Stadt Hasankeyf und der über 12.000jährigen Geschichte gehören zu den wertvollsten kultur- und naturhistorischen Gütern der Welt. Nach anhaltend heftigen Protesten verabschiedeten sich die acht ausländischen Regierungen und ihre Banken von dem Staudamm-Projekt – in diesem Juli endlich auch Deutschland. Von immer mehr, auch prominenten Stimmen aus der ganzen Welt unterstützt, ist der lokale, überwiegend kurdische Widerstand gegen den Ilisu-Staudamm seit kurzem zu einer gesamttürkischen Bewegung geworden, die den Erhalt und die Verleihung des UNESCO-Welterbetitels für Hasankeyf und das Tigristal einfordert. Diese Vision ermutigt zum aktiven Bürgerengagement, überbrückt die ethnischen Konflikte innerhalb der Türkei und verbindet Türken mit der ganzen Welt. Das gemeinsame Ziel eines Welterbes fördert Demokratie und Frieden.

Hasankeyf und das Tigristal liegen im Norden des legendären Mesopotamien, der Wiege morgen- und abendländischer Kultur. In der Bibel als Teil des Paradieses erwähnt, bildet das Tigristal die Grundlage für den Islam, das Juden- und das Christentum. Hier, im „Fruchtbaren Halbmond“, wandelte sich der Mensch vor 11.000 Jahren vom Jäger und Sammler zum Viehzüchter und Ackerbauer. Die Wildform des Einkorns, die Urform unserer Getreidesorten, wächst noch heute an den Hängen des erloschenen Vulkans Karacadag im kurdischen Vorland des Zagrosgebirges und bildet einen unermesslichen genetischen Schatz. Auch Raps, Spinat, Kichererbse, Flachs, Weinrebe, Sauerkirsche, Mirabelle und Pflaume stammen aus dieser Region. Hier wurden der Pflug, Bewässerungstechnik und das Rad erfunden. Die frühesten bekannten Textilien der Alten Welt stammen aus der Gegend. Ein einschneidendes, alle Lebensbereiche betreffendes Ereignis war die weltweit erste Entstehung von Städten im Mesopotamien der späten Uruk-Zeit (4. Jahrtsd. v. Chr.); ihre Verwaltung führte zur Entwicklung der ersten Schrift.

Natur und Kultur
Das vom Ilisu-Staudamm bedrohte Tigristal mit seinen Zuflüssen ist eine besonders artenreiche, von Natur und Mensch geprägte Landschaft mit kleinen Siedlungen. Die breiten Kiesbetten, ausgedehnten Feuchtzonen und Wiesen bieten seltenen Arten wie der vom Aussterben bedrohten Euphrat-Weichschildkröte, der Euphratpappel, dem Graufischer und dem seltenen Rotlappenkiebitz einen Lebensraum. Würde die Region im Ilisu-Stausee versinken, so würden vermutlich viele dieser Arten, auch strömungsabhängige Fische, nicht überleben.

Rötelfalke

In den Steilwänden des Tigris brütet der Rötelfalke. Die vielen tausend Höhlen sind noch vereinzelt von Menschen bewohnt. Andere bieten heute zahlreichen Fledermausarten und der Streifenhyäne Unterschlupf.

Dort, wo sich einst die mächtige, von Aturkiden (einem Turkvolk) erbaute Brücke nach Hasankeyf spann, ist der Tigris von außergewöhnlicher Schönheit. Das Flusstal ist hier tief eingeschnitten; in seinen Steilwänden brütet der Rötelfalke. Einzelne der vielen Tausend Höhlen sind noch von Menschen bewohnt. Andere bieten heute zahlreichen Fledermausarten und der Streifenhyäne Unterschlupf.

Hasankeyf, unweit von Abrahams Geburtsort, der heutigen Stadt Urfa gelegen, ist eine kleine Siedlung, die auf Schritt und Tritt an ihre reiche und geschäftige Vergangenheit erinnert: Als Knotenpunkt der Seidenstraße, die Europa mit Asien verband, als römischer Grenzposten, byzantinischer Bischofssitz und aturkidische Hauptstadt. Das Städtchen mit seinen beiden herausragenden, reich verzierten Minaretten hat über 20 Kulturen kommen und gehen sehen. Es erstreckt sich mit übereinander geschachtelten Häusern, Monumenten und Ausgrabungsstätten vom Ufer des Tigris bis hinauf auf den Burgberg, wo die Überreste des Aturkidenpalastes aus dem 12. Jahrhundert stehen. Auf der dem Tigris abgewandten Bergseite befinden sich in einem weiten Tal Hunderte Höhlen. Einst waren sie von Kanälen verbunden, die jede einzelne Behausung mit Frischwasser versorgten. Hier wird der Besucher in die Zeit der El-Ubaid-Kultur von vor 7.000 Jahren versetzt, als Mesopotamien die Bewässerungstechnik erfand und Ballungszentren mit Wasser versorgte. Die Geschichte Hasankeyfs und der vielen anderen vom Staudamm bedrohten Siedlungen im Tigristal ist erst annähernd bekannt. Forscher haben hier bisher über 300 archäologische Stätten freigelegt und stehen damit erst am Anfang.

Hasankeyf

Hasankeyf, unweit von Abrahams Geburtsort, der heutigen Stadt Urfa gelegen, ist heute eine kleine Siedlung, die auf Schritt und Tritt an ihre reiche und geschäftige Vergangenheit erinnert.

Politik
Im Jahre 2004 forderte das Europäische Parlament die türkische Regierung dazu auf, Hasankeyf und das Tigristal bei den Vereinten Nationen als Welterbe anzumelden. Die türkische Regierung verweigert diesen ersten erforderlichen Schritt für den UNESCO-Titel bisher hartnäckig. Stattdessen hält die Regierung in Ankara unverdrossen an dem inzwischen unzeitgemäßen Megaprojekt „Ilisu-Staudamm“ fest. Sie nimmt dafür die Vertreibung und Verelendung zigtausender Menschen aus dem Tigristal in Kauf sowie einen drohenden Konflikt mit dem Irak, dem einschneidender Wassermangel bis hinein in die wertvollen Mesopotamischen Sümpfe bevorsteht, sollte der Ilisu-Staudamm tatsächlich gebaut werden.. “Ilisu“ soll Felder bewässern und Spitzenstrom für Ankaras Industrie liefern. Inzwischen zeigt sich aber am Euphrat, der heute eine Kette aneinander gereihter Stauseen bildet, dass die lokale Bevölkerung davon nicht profitiert, denn die Felder versalzen nach kurzer Zeit und der Strom wird fern ab geleitet. Zur Gewinnung zusätzlichen Stroms empfiehlt ein Gutachten der Elektroingenieure in Djarbakir alternativ, das marode Leitungssystem der Türkei zu sanieren und den Stromverlust von derzeit 21% auf den Weltdurchschnitt von 11% zu senken – damit könnten drei Kraftwerke des Typs „Ilisu“ eingespart werden! Für die Stromversorgung Südostanatoliens eignen sich besonders dezentrale Quellen wie Solarenergie.

Protestaktionen gegen den Bau des Ilisu-Staudamm

Ein breiter Strom an Menschen zieht sich durch das Tal. Mit Protestaktionen und Solidaritätskonzert wird gegen den Bau des Ilisu-Staudamm demonstriert.

Momentan stehen die Bagger still. Deutschland, Österreich und die Schweiz, die vor zwei Jahren Bürgschaften für die Kredite ihrer Banken in Höhe von rund € 450 Mio. übernommen hatten, haben im Juli dieses Jahres die Verträge mit der Türkei aufgrund nicht erfüllter Auflagen gekündigt – ein nie da gewesener Schritt in der Geschichte der staatlichen Exporthaftungen! Nach diesem endgültigen Ausstieg der Europäer aus dem Staudammprojekt müssten nun erst einmal neue Geldquellen erschlossen werden. Bis dahin, so hoffen wir, werden die Stimmen für den Erhalt des Tigristals in der Türkei und der Welt so laut, dass sie in Ankara endlich Gehör finden. Der Ilisu-Staudamm darf nicht gebaut werden! Hasankeyf und das Tigristal dürfen nicht untergehen! Die Bewohner des Tigristals wollen bleiben und befürworten fast einhellig eine andere, eine zukunftsweisende und ressourcenschonende Entwicklung ihrer Heimat. Bitte tragen auch Sie zur Rettung dieses Welterbes bei und unterzeichnen auch Sie die Online-Petition: www.stopilisu.com. Prominente gehen mit gutem Beispiel voran: http://m-h-s.org/ilisu/front_content.php?idart=487.

Hasankeyf Karte

Hasankeyf und das Tigristal sind ein Welterbe ersten Ranges. In dieser Region hat die Entwicklung unserer Zivilisation einst begonnen.

Autorin: Stefanie Hermsen

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