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Leben im Todesstreifen - Das Tafelsilber der deutschen Einheit wird 20
Im Herbst 1989 nutzten Naturschützer die Chance, unberührte Landschaften in der DDR unter Schutz zu stellen. Dank ihrer Hartnäckigkeit bekam das neue Deutschland neue Nationalparks.

Foto: Uli Messner
Michael Succow, der Mann, der ein neues, grünes Deutschland will, ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und blickt auf eine wechselhafte Karriere im real existierenden Sozialismus zurück. 1968/69 sympathisierte er mit dem Prager Frühling und musste deswegen seine Assistentenstelle an der Uni Greifswald verlassen. 1982 wird er Mitglied der Blockpartei LDP und 1987 Abgeordneter der Volkskammer, in der er im Ausschuss für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft mitarbeitet. „Wer nicht brav war, musste sich eben durchwurschteln“, erklärt er seine Wendungen Jahre später einer Zeitungsreporterin. Der Naturschutz-Pionier der DDR Kurt Kretschmann habe ihm geraten: „Als außenstehender Kritiker nützt man dem Naturschutz nichts.“ Vertraut hat das Regime Succow trotzdem nicht. In seiner Stasi-Akte liest er später, dass ihn zehn Menschen, darunter Freunde, Kollegen und Nachbarn, bespitzelten. Für den Naturschutz engagiert sich Succow, Sohn eines Landwirts, seit Jahrzehnten. 1970 schickte er der Volkskammer eine erste Petition, die die Einrichtung von Nationalparks anregt – ohne Erfolg. Mehr hat er bei den Funktionären in der Fläche, denen er jedes Moor einzeln abtrotzt. In der späten DDR berät Succow SED-Kader wie Bürgerrechtler zum Thema Naturschutz. Im Dezember 1989 fragt er in einem Zeitungsartikel „Wo bleiben unsere Nationalparks?“ Keinen Monat später sieht er die einmalige Chance, dass sein Traum Wirklichkeit wird. Im Januar 1990 holt der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow ihn als stellvertretenden Umweltminister in seine Regierung.

An der Müritz, Mecklenburgische
Seenplatte und ehemals Gebiet
einer Staatsjagd und Truppenübungsplatz,
fordert eine Bürgerinitiative
schon seit mehreren Monaten die
Errichtung eines Nationalparks.
Foto: Uli Messner
Als die DDR am 3. Oktober 1990 zu existieren aufhört und Teil der Bundesrepublik wird, wird das neue Deutschland um fünf Nationalparks, sechs Biosphären-Reservate und drei Naturparks reicher. Für Umweltminister Klaus Töpfer sind sie das „Tafelsilber der deutschen Einheit“ - für Seeadler, Wildkatzen und Eulen sind die Nationalparks Jasmund, Vorpommern, Müritz, Harz und Sächsische Schweiz geschützte Rückzugsgebiete, die es fast nirgendwo sonst mehr gibt. In den Biosphärenreservaten Rügen, Schorfheide, Spreewald, Elbe, Rhön und Vessertal sowie in den Naturparks Schaalsee, Drömling und Märkische Schweiz muss der wirtschaftende Mensch besondere Rücksichten auf die Natur nehmen. Und das neue, ökologische Deutschlands funktioniert auch ökonomisch: Millionen Menschen haben seit 1990 in Succows Schutzgebieten Ruhe und Erholung gesucht. In strukturschwachen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern entstanden Arbeitsplätze, die es ohne Nationalparks nicht gäbe. In der alten Bundesrepublik hatte es übrigens mehr als 20 Jahre gedauert, bis Teile des Wattenmeeres zum Nationalpark wurden. So wurde der Untergang der DDR zu einem großen Schritt für die deutsche Nation – und für den Naturschutz in Deutschland.

Der Textautor Christian Siepmann studiert an der Deutschen Journalistenschule in München.
Er ist freier Autor und arbeitet u.a. für Spiegel Online und den Unispiegel.
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2010 © EUROPARC Deutschland
Dachverband der Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks - Nationale Naturlandschaften
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