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Nationalpark als große Badewanne
Sommerhochwasser 2010 im Nationalpark Unteres Odertal. Überflutete Flußaue im Überflutungspolder bei Schwedt. Foto: Uwe Schünmann
Es kommt nicht so oft vor, dass sich ein Nationalpark als große Badewanne beweisen muss. Aber genau diese Prüfung musste das Untere Odertal an der deutsch-polnischen Grenze in der Nähe der Brandenburger Industriestadt Schwedt Ende Mai bestehen. Während des jüngsten Oderhochwassers wurde mit einer 4 500 Hektar großen Fläche fast der halbe Nationalpark geflutet. Damit sollte der Druck auf die Deiche in beiden Ländern flussab- und aufwärts erheblich verringert werden. Das Vorhaben gelang. Pro Sekunde schossen etwa 3 000 Kubikmeter Wasser aus dem übervollen Flussbett in die zuvor von den 32 hier ansässigen Landwirtschaftsbetrieben geräumten Polder. Hier konnte die mächtige Kraft der Flut, die im Oberlauf auf polnischem Gebiet mehrere Deiche zum Brechen gebracht hatte, keine schweren Schäden mehr anrichten.
Überströmter Sommerdeich bei Schwedt, das
Wasser läuft aus dem Überflutungspolder
wieder in die Oder zurück.
Foto: Uwe Schünmann
Fachleute des Brandenburger Landesumweltamtes stellten den Erfolg der gezielten Flutung beim Blick auf die Pegelanzeigen fest. Oberhalb der Stadt Schwedt sank der Wasserstand der Oder um 10 bis 12 Zentimeter, unterhalb sogar um 40 Zentimeter. Insgesamt ergossen sich etwa 80 Millionen Kubikmeter in die Flächen neben dem eigentlichen Flussbett.
Gräser, Farne, Büsche und andere Pflanzen sowie viele Wiesenbrüter verschwanden unter dem Hochwasser, das durch heftige Regenfälle Mitte Mai im tschechisch-polnischen Odereinzugsgebiet ausgelöst worden war. Dennoch machte sich die Nationalparkverwaltung keine großen Sorgen um die Natur. „Bei einem Hochwasser haben wir es mit einem Werden und Vergehen zu tun“, sagt der Chef des Nationalparks, Dirk Treichel. „Neues Leben kommt hinzu, altes Leben stirbt ab.“ Es sei alles ein sehr dynamischer Prozess, der für Flussauen nichts Besonderes sei.
Ein Sprung Rehe sucht auf dem Deich Schutz
vor dem Hochwasser. Foto: Uwe Schünmann
Aus biologischer Sicht habe so ein Hochwasser sogar positive Aspekte. Ohne regelmäßige Überflutungen würde sich in den Flussauen eine Vegetation breit machen, die nicht typisch sei. Das wiederum würde die Aufnahmefähigkeit der Polder bei Fluten beeinträchtigen, glaubt Treichel.
Auch die von der Überflutung überraschten Vogelkolonien lösten bei den Naturschützern im Nationalpark keine Panik aus. „Sobald das Wasser zurückgeht, legen die Vögel ein zweites oder sogar ein drittes Mal Eier“, zeigte sich Dirk Treichel überzeugt. Wie sehr sich die Natur an die Veränderungen anpassen kann, zeigten die Lachmöwen. Die Wasser hatte so manche Familienbanden zerrissen. Die Elterntiere suchten in den ersten Tagen mitunter verzweifelt nach ihrem Nachwuchs und gerieten nicht selten darüber in Streit. Doch im Laufe der Zeit beruhigte sich die Situation, sodass die kleinen Lachmöwen schließlich von ganz anderen Eltern aufgezogen wurden.
Den Poldern im Nationalpark Unteres Odertal sollen in Brandenburg bald weitere potenzielle Überflutungsflächen an der Oder folgen. Konkret geht es um die Neuzeller Niederung südlich von Frankfurt, wo sich das Wasser auf einem 1 500 Hektar großen Gebiet ausdehnen könnte. Das wäre auf Dauer effektiver und billiger als der Bau immer raffinierter Deiche, heißt es aus dem Brandenburger Landesumweltamt. Die Natur würde keinen Schaden nehmen, wie die Erfahrungen im Nationalpark zeigen.
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2010 © EUROPARC Deutschland
Dachverband der Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks - Nationale Naturlandschaften
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