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Vielfalt unterm Sternenhimmel
Bei der ersten Langen Naturwachtnacht am 22. August haben Brandenburgs Ranger ihren Gästen den Artenreichtum der Nacht vorgestellt. In neun Nationalen Naturlandschaften konnten Fledermäuse, Nachtfalter, Eulen und Irrlichter beobachtet werden.
Endlich beginnt gegen 21.00 Uhr die Abenddämmerung. Ein verspäteter Graureiher fliegt noch heiser krächzend in Richtung Schlafplatz. Grillen verkünden mit ihrem Zirpen, dass die Bühne nun den Lebewesen der Nacht gehört.
In den Naturparken Westhavelland und Märkische Schweiz stehen heute Fledermäuse im Mittelpunkt. Genauer: ihr fantastisches Orientierungssystem. Weltweit sind rund 900 Fledermausarten bekannt. 18 davon jagen im Sommerhalbjahr unter dem Brandenburger Nachthimmel. Erst vor wenigen Jahren wurde hier die Mückenfledermaus als neue Art nachgewiesen. Bei einer Länge von 5 cm bringt das daumengroße Leichtgewicht gerade einmal 5 Gramm auf die Waage. Der große Abendsegler dagegen wird länger als 8 cm. Mit seiner Spannweite von 40 cm erreicht er bis zu 60 Stundenkilometer und kann, ähnlich wie Zugvögel, lange Distanzen zum Winterquartier zurücklegen. Brandenburger Abendsegler wurden schon in der Schweiz nachgewiesen. Diese Nachweise werden möglich, weil einige Tiere beringt und wieder eingefangen werden.
Die Gäste im Naturpark Märkische Schweiz konnten die Spezialisten beim Netzfang und anschließendem Vermessen der Flugkobolde begleiten. Beinahe hautnah konnten die zuvor nur als flatternde Schemen am Nachthimmel wahrgenommenen Tiere nun begutachtet werden. Dichtes Fell, „große Hände“ zum Fliegen, kleine Augen und in der Regel beachtliche Ohrmuscheln kennzeichnen viele Arten.

„Nur weg“: Der Große Abendsegler erklimmt nach seiner Vermessung erst mal einen hohen Baum. Foto: Naturwacht Brandenburg
Mit der Abenddämmerung wird es kühl im Westhavelland. Doch die Fledermäuse müssen jagen, um Fettdepots anzulegen, damit sie den Winter in Höhlen und Kellern überleben.
Da beginnt auch schon der Bat-Detektor zu knacksen. Wie ein Geigerzähler tickt das Gerät, mal lauter, leiser, langsamer und schneller werdend. Ein metallisch schnalzendes „Knack…Knack..KnackKnackKnack…“ Rangerin Heike Rothe erläutert, dass dieses kleine Gerät die für das menschliche Ohr unhörbaren Ultraschallrufe der Nachtjäger in tiefere Frequenzen umwandelt. „Um den Faktor 10 werden die Frequenzen dadurch vermindert.“ Die meisten Arten rufen mit einer ihnen charakteristischen Frequenz. Sollten sich Frequenzen der Arten einmal überschneiden, würde der charakteristische Lebensraum als weiteres Bestimmungsmerkmal herangezogen. Der Bat-Detektor zeigt eine Frequenz von 45 Kilo-Hertz, nach der technischen Umwandlung mit nun 4,5 Kilo-Hertz auch für das menschliche Ohr hörbar. „Diese Rufe sind kennzeichnend für Wasserfledermäuse“, erläutert Rothe. Mit ihrem Ultraschall-Echolot orientieren sie sich in der Dunkelheit. Sobald diese hochfrequenten Rufe von einem kleineren Flugobjekt reflektiert werden, hat der Nachtjäger seine Beute geortet und die „Jagd mit den Ohren“ kann beginnen.
Zu ihren bevorzugten Beutetieren gehören Schwärmer, Spinnen, Eulen und Spanner, also Nachtschmetterlinge.
Im Naturpark Dahme-Heideseen erfahren die Nachtreisenden, dass in Brandenburg rund 900 nachtaktive Großschmetterlinge fliegen. Wenn die Dämmerung hereinbricht, leuchten lange UV-Lichtröhren, die von engmaschigen Netzen umgeben sind. Nachtfalter orientieren sich am Mond, an hellen Sternen oder fatalerweise auch am Kunstlicht, von dem sie magisch angezogen werden. In der Nacht sind vielleicht alle Katzen grau, doch an der Lichtquelle kann man erkennen, wie überraschend farbenkräftig sich einige Nachtfalterarten präsentieren - etwa die „Messingeule“, die „Hausmutter“, der „Harlekin“.

Spezialisten bestimmen Nachtschmetterlinge, die unwiderstehlich vom Licht der Leuchtstoffröhren angezogen werden. Foto: Naturwacht Brandenburg
Um gefiederte Nachtaktive, wie Eulen, Turmfalken, Kraniche und Gänse, ging es im Naturpark Niederlausitzer Landrücken. Am Ende des Tages fliegen große Gänsescharen und Kranichformationen in ihre feuchten Schlafplätze ein. Bis in die Nacht schnattern und trompeten sie lauthals.
Die Ranger führten ihre Gäste nun in den Calauer Kirchturm und in einen nahen Eiskeller. Hoch im Turm kämpfen im Frühjahr die Mieter um die besten Plätze. Meist verjagt die nachtaktive Schleiereule den tagjagenden Turmfalken. Die kleinen Fledermäuse finden im Turm und im Eiskeller ihre bescheidenen Quartiere. Im Winter benötigen sie kleine Versteckritzen, feuchte Luft, Temperaturen möglichst über Null Grad und absolute Ruhe. Denn: Aufwachen bei Störungen kostet lebenswichtige Energie, die nach einem langen Winter fehlen kann.
Im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe wagten sich rund 50 Gäste der Naturwacht in das Moor und erkundeten diesen artenarmen Lebensraum. Hier finden hoch spezialisierte Arten wie Torfmoos und Sonnentau ihre Standorte. Irrlichter erfreuten die nächtlichen Besucher .

Fangen sich mehrere Fledermäuse gleichzeitig im Netz, müssen sie vor dem Vermessen im weichen Gazekäfig warten. Foto: Naturwacht Brandenburg
Bis in andere Galaxien führten Ranger des Naturparks Barnim ihre Gäste auf der Landesgartenschau in Oranienburg. Die Milchstraße funkelte in der mondlosen ersten Nachthälfte und beim Teleskop-verstärkten Blick auf den Jupiter und seine Monde mag sich bei dem einen oder anderen Besucher der Langen Naturwachtnacht ein wenig Demut und Freude an dieser vielfältigen Erde im weiten Universum geregt haben.
Roland Schulz, Naturwacht Brandenburg
www.naturwacht.de
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2010 © EUROPARC Deutschland
Dachverband der Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks - Nationale Naturlandschaften
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