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Wie alles begann - Brockenöffnung und Gründung des Nationalparks Harz

20 Jahre Brockenöffnung – wie alles begann

Schon mit dem Fall der Mauer vor 20 Jahren war ein Ländergrenzen übergreifendes Großschutzgebiet im Harz nicht nur eine Vision, sondern konkreter Wunsch vieler Beteiligter. Diese historische Tatsache ist heute in vielen Köpfen gar nicht mehr präsent – Geschichte läuft schnell und Erinnerungen sind vergänglich. Schauen wir deshalb 20 Jahre zurück.

Die überraschende Grenzöffnung am 9./10.11.1989 war für die Harzer Naturschützer in der DDR nicht nur Anlass, endlich in den Westharz zu fahren, sondern bewirkte vor allem ein Nachdenken über den Schutzstatus des Oberharzes und die Zusammenführung der beiden großen Naturschutzgebiete westlich und östlich des Brockens. Schon am 30.11.1989 stellte der spätere wissenschaftliche Leiter des Nationalparks Hochharz, Dr. Uwe Wegener, ein Konzept zum Nationalpark oder Biosphärenreservat Hochharz erstmalig vor. Zu früheren DDR-Zeiten kam es wegen der Grenznähe und der strategischen Bedeutung des Brockens nie zur gründlichen Diskussion eines solchen Vorschlages. Jetzt war die Ausgangssituation eine andere. Die Vorstellungen wurden von den Forstvertretern mit Interesse aufgenommen. Die Vorbereitungen konnten also beginnen.

Es klart auf über dem Brocken. Foto: Frank Steingaß.

Die Ereignisse schienen sich nun zu überschlagen. Die Bevölkerung wurde immer ungeduldiger – sie wollte auf die Brockenkuppe.  Am Sonntag des 3.12.1989 wurde am Brockentor demonstriert – und daraufhin ebenfalls ziemlich überraschend und wenig vorbereitet der Brocken geöffnet. Der damalige Rat des Kreises Wernigerode unterstützte durch die Berufung einer eigenen Arbeitsgruppe „Brocken“ die Sicherung des Gebietes. Am 22.1.1990 entschied diese Arbeitsgruppe, die ersten beiden „Ranger“ hauptamtlich für den Brocken einzustellen – damit bekam das Projekt „Nationalpark“ erste Konturen. Auch die ersten Verhandlungen zum Nationalpark Harz fanden mit dem benachbarten Land Niedersachsen bereits 1990 statt. Nach langem Zögern sagte dann auch Niedersachsen „Ja“ zu einem Nationalpark. Das war der Durchbruch. Durch diese Entscheidung wurde das Nationalparkprojekt bereits 1990 zu einem Projekt der deutschen Einheit auf dem Gebiet des Naturschutzes. Die Idee setzte sich dann Jahr für Jahr immer stärker durch – bis zur Nationalparkfusion von Ost und West 2006. Wer von den Brockendemonstranten hätte das 1989 geahnt?

Der länderübergreifende Nationalpark Harz – wie alles begann
von Dr. Uwe Wegener und Dr. Friedhart Knolle

War der Nationalpark Hochharz wie der Mauerfall eine „Sturzgeburt“, wie manchmal behauptet wird, wurde seine Verordnung mit „heißer Nadel“ gestrickt? Oder ist er einfach ein „Kind seiner Zeit“, einer Zeit, in der es mehr Möglichkeiten gab, kühne Projekte zu verwirklichen, in der die finanzielle Basis besser war, die Verwaltungsstrukturen flexibler und insgesamt eine Aufbruchstimmung herrschte, in der kein Raum war für kleinliche Hindernisse, Vorbehalte und Ängste?
Schauen wir 20 Jahre zurück:

Die Geschehnisse in Sachsen-Anhalt
von Dr. Uwe Wegener

Im Frühsommer 1989 hatte der Naturschutz im Rahmen des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Wernigerode (StFB) bereits einen höheren Stellenwert bekommen. Zwei zusätzliche Kräfte konnten in den Naturschutzgebieten, auch im NSG Oberharz, eingesetzt werden. Die Übernahme des Brockengartens aus dem militärischen Bereich zum StFB Wernigerode und zur Martin-Luther-Universität war im Gespräch. Die ehrenamtlichen Naturschutzeinsätze erfreuten sich eines viel stärkeren Zuspruchs als in den Vorjahren. Die Unruhe und Unzufriedenheit in der Bevölkerung nahm besonders im Sommer zu, man wollte mehr tun für den Schutz der Umwelt, und große Teile der Bevölkerung sahen im Naturschutz einen guten Partner.

An offene Grenzen oder die Rückgewinnung des Brockens für zivile Zwecke dachte damals noch kaum jemand ernsthaft. Dennoch gab es gerade beim Umgang mit dem Brocken bereits im Sommer neue Signale. Am 9.6.1989 fand eine Standortberatung zum Wiederaufbau des Brockengartens statt. Erstaunlicherweise kamen in dieser Zeit vom Ratsvorsitzenden Manfred Grünwald in Magdeburg Hinweise, die Wiedereröffnung des Brockengartens mit zivilen Kräften vorzubereiten – was dann auch unter Federführung des StFB Wernigerode und der Martin-Luther-Universität Halle am 11.7.1989 auf dem Brocken (!) erfolgte.

Die überraschende Grenzöffnung am 9.11.1989 war jedoch nicht nur Anlass, in den Westharz zu fahren, sondern bewirkte vor allem ein Nachdenken über den Schutzstatus des Oberharzes und die Zusammenführung der beiden großen Naturschutzgebiete westlich und östlich des Brockens.

In der DDR hatte man gute Erfahrungen mit Biosphärenreservaten gesammelt, in denen Elemente der Kulturlandschaft mit den wertvollen Resten der nacheiszeitlichen Naturlandschaft im Schutzstatus vereint waren. Und ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Harzgebiet bereits vor 1.000 Jahren der Mittelpunkt des Deutschen Reiches war und folglich auch durch Bergbau, Landwirtschaft, Jagd und Manufakturen genutzt und gestaltet wurde. Diskutiert wurden aber noch andere Möglichkeiten des Schutzes, so der Naturschutzpark nach dem Vorbild der Lüneburger Heide oder der Nationalpark nach dem Vorbild der Hohen Tatra und des Bayerischen Waldes.

Im Forstbereich des Ostharzes hatte sich schon  im Jahre 1988 eine „Arbeitsgruppe Harzwälder“ gegründet, in der Vertreter der Forstbetriebe und der Forstwissenschaft vereint waren, und in der auch Naturschutzprobleme konstruktiv diskutiert wurden. Dieser Arbeitsgruppe stellte ich am 30.11.1989 ein Konzept zum Nationalpark oder Biosphärenreservat Hochharz erstmalig vor. Die Grundlage für die schnelle Erarbeitung nach der Grenzöffnung war ein Biosphärenreservats-vorschlag aus dem Jahre 1976. Wegen der Grenznähe und der strategischen Bedeutung des Brockens kam es jedoch weder zur Anerkennung noch zu einer gründlichen Diskussion dieses Vorschlages. Jetzt war die Ausgangssituation eine andere. Die Vorstellungen wurden von den ostdeutschen Forstvertretern mit Interesse und Wohlwollen aufgenommen. Im Forstbetrieb Wernigerode unterstützten die Nationalparkarbeit insbesondere Joachim Bauling, Hubertus Hlawatsch, Kurt Dilg und Heinz Quitt. In Niedersachsen herrschte eher eine – heute verständliche – Zurückhaltung, bestand doch bereits ein über 7.000 ha großes Naturschutzgebiet und außerdem zeigte ein großzügiges Waldumbauprogramm (LÖWE) erste Erfolge, die nicht gefährdet werden sollten.

Vom 11.1.1990 an trafen sich nach vorausgehenden ersten Kontakten auch die Umweltgruppen der Landkreise Goslar und Wernigerode regelmäßig, und die geplante Nationalparkgründung rückte zunehmend in den Mittelpunkt der Diskussion. Diese ersten Beratungen sind eng verknüpft mit den Namen Achim Groß, Wolfgang Eberspach, Helmut Feix, Udo Heß, Hubertus Hlawatsch, Frank Jacobs, Johann Janssen, Friedhelm Michael, Heinz Quitt, Gunter Karste, Friedel Knolle, Friedhart Knolle, Günter Piegsa, Volker Schmidt, Martin Wirth, Jan Gahsche u. a. Aus diesem Kern heraus gründete sich später die länderübergreifende Gesellschaft zur Förderung des Nationalparks Harz e. V.

Die Ereignisse schienen sich nun zu überschlagen. Am Sonntag, dem 3.12.1989, wurde überraschend und wenig vorbereitet der Brocken geöffnet.

Die Brockendemonstration am 3.12.1989
Foto: Archiv Brockenhaus.

Die Naturschützer im Landkreis Wernigerode sahen diese schnelle Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Natürlich überwog die Freude, wieder auf dem Brocken stehen zu können; zum anderen drohte aber ein „Millionen-Run“ auf den Brocken und damit auf die wenigen Reste natürlicher Vegetation, welche die militärische Nutzung des Brockens übrig gelassen hatte. Die Gefahr war real, dass dieser naturnahe Lebensraum durch einen Ansturm von Wanderern restlos vernichtet würde. Zum Glück herrschten winterliche Bedingungen, und es gelang uns – Wolfgang Eberspach, Andreas Keßling und mir – am 1.12.1989, die sensiblen Teile des Brockenurwaldes zu kennzeichnen und einige Leinen zu spannen. Der Brockengarten, einschließlich der Erweiterungsfläche, hatte bereits im Oktober einen neuen Behelfszaun bekommen. Vom 4.12.1989 wurde dann täglich an Leiteinrichtungen gearbeitet, und die Besucher standen den Naturschutzbemühungen auf dem Brocken durchaus aufgeschlossen gegenüber. Auch der damalige Rat des Kreises Wernigerode unterstützte durch die Berufung einer eigenen Arbeitsgruppe „Brocken“ unter Leitung von Volker Behrend die Sicherung des Gebietes. Am 22.1.1990 entschied diese Arbeitsgruppe, die ersten beiden „Ranger“ (sie nannten sich „Naturschutzbeauftragte“) hauptamtlich für den Brocken einzustellen – das waren Wolfgang Stöhr und Günter Seidel aus Schierke.

Zustimmung zu den neuen Naturschutzaktivitäten gab es aus dem Landkreis Wernigerode und den Städten Wernigerode und Ilsenburg. In Schierke hatte sich eine Allianz gegen den Nationalpark gebildet – es wurden wirtschaftliche Restriktionen für Schierke und das Brockengebiet erwartet. Nun war Schierke nach den vorgesehenen Grenzen des Nationalparks völlig von der Schutzfläche umgeben. In einer „Nachbesserung“ am 16.8.1990 bestand die Kommune auf die Herausnahme eines etwa 1.000 ha großen Waldgebietes südlich des Ortes. Damit lagen die Skigebiete nun nicht mehr im Nationalpark. Auch vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium kam zu dem Projekt eines grenzübergreifenden Nationalparks im Frühjahr 1990 keine Zustimmung. So wurde in der Beratung des Nationalparkkomitees am 20.2.1990 in Berlin lapidar festgestellt: Die Niedersächsische Landesregierung stimmt dem Nationalparkprojekt gegenwärtig nicht zu, eine regionale Arbeitsgruppe wird aber bis zum Sommer eine abschließende Entscheidung treffen. Der Durchbruch kam bereits Anfang Mai, als in Hannover beschlossen wurde, die Variante der Einrichtung eines kleinen Nationalparks östlich der Bundesstraße 4 zu untersuchen. Die ersten Verhandlungen zum Nationalpark Harz fanden also bereits 1990 statt und nicht erst 1992, wie die Volksstimme am 12.5.2004 berichtete. Das war eine wichtige Vorentscheidung, denn ohne einen bedeutenden niedersächsischen Teil wäre auch der Nationalpark im Osten nur ein Torso geblieben. Durch diese positive Entscheidung wurde das Nationalparkprojekt bereits im Jahre 1990 zu einem Projekt der deutschen Einheit auf dem Gebiet des Naturschutzes. Noch war aber auch der Nationalpark um den Brocken keine beschlossene Sache. Trotz der Unterstützung des Forstbetriebes – hier wurde zum 1.4.1990 auch Gunter Karste als Brockengärtner eingestellt, weitere zwei Kräfte unterstützten die Besucherlenkung – fehlte es an vielen Voraussetzungen für den Nationalparkaufbau. In Goslar entwickelte sich das Fotostudio Schadach zu einem Kommunikations- und Spendenzentrum für den Aufbaustab des Nationalparks.

Die Vorbereitungen für den Nationalpark gingen bis zum Sommer auf allen Ebenen recht systematisch voran. Erst nach der Volkskammersitzung im August, als der Beitritt der DDR zur BRD zum 3.10.1990 beschlossen wurde, kam Hektik auf. Für den Aufbau des Nationalparks rechneten wir mit einer Übergangszeit von 2 bis 3 Jahren. Nun stand die Frage, ob die Nationalparkfestsetzung verschoben und der späteren Landesregierung überlassen werden sollte, oder ob es evtl. noch bis zum Oktober zu schaffen wäre. In dieser Situation stand Bundesumweltminister Prof. Klaus Töpfer an unserer Seite. Er empfahl dringend, das Nationalparkprogramm bis zum 3. Oktober erfolgreich zu beenden. Es gab mehrere Telefonate mit dem Bundesumweltministerium, Juristen wurden nach Berlin geschickt, Geld floss zur Verbesserung der Infrastruktur am Brocken in den Harz, und Minister Töpfer besuchte zusammen mit seinem Ministerkollegen Prof. Karl-Hermann Steinberg Ende August auch selbst die „Baustelle Nationalpark Hochharz“. Sie sprachen sowohl mit dem Aufbaustab als auch mit den Schierker Kommunalpolitikern.

Beide deutschen Umweltminister wandern am 20.8.1990 auf dem Goetheweg zum Brocken. Von links nach rechts u.a. Werner Grübmeyer,  Hubert Weinzierl, Dr. Wolf-Eberhard Barth, Prof. Dr. Klaus Töpfer, Burkhard v. d. Heyden-Rynsch, Lothar Thiele und Friedhart Knolle. Foto: Hans-Henning Fränkel

Von nun an wurde praktisch Tag und Nacht an der Nationalparkverordnung gearbeitet. Es verging keine Woche ohne Abstimmung mit den Juristen in Berlin. Im Nachhinein erwies sich diese Arbeit an den Verordnungen als außerordentlich wichtig, ja essentiell für die Sicherung der neuen Großschutzgebiete. Es war die Zeit der kurzen Dienstwege, aber der dennoch intensiven Abstimmung der Verordnungstexte. Der Name Arnulf Müller-Helmbrecht ist mir in besonders guter Erinnerung. Er feilte nicht nur an den Verordnungstexten, sondern versuchte auch, sich an den kurzen Wochenenden einen Eindruck von der Nationalparkproblematik und von den Lebensräumen vor Ort im Müritzgebiet oder im Harz zu machen. Anfang September war die Redaktionsarbeit abgeschlossen. Die Festsetzung des Nationalparks erfolgte dann laut Verordnung vom 12.9.1990 zum 1.10.1990. Der Nationalpark Hochharz verblieb nach bayerischem Vorbild im Verwaltungsbereich des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Bezeichnend für die Dramatik dieser Zeit war, dass die Verordnungen zum Nationalparkprogramm in der letzten Volkskammersitzung am 12.9.1990 verabschiedet wurden. Die Nationalparkverordnung hielt allen Angriffen stand. Die juristische Arbeit hatte sich gelohnt. Die Verordnung wurde nach dreijähriger Vorbereitungszeit am 3.8.2001 durch ein Gesetz abgelöst.

Die Geschehnisse in Niedersachsen
von Dr. Friedhart Knolle

In Niedersachsen gab diese erste Harzer Nationalparkgründung den Anlass, sich nunmehr auch hier verstärkt mit dem Nationalparkgedanken zu beschäftigen. Eine rege politische Diskussion über die Frage, ob es auch in Niedersachen einen nach Westen anschließenden Nationalpark geben sollte, setzte ein.

Nach langem Zögern hatte die Niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht ab Anfang Mai 1990 im Wesentlichen auf Grund der Forderungen der Naturschützer und Umweltverbände die Bereitschaft entwickelt, den in Vorbereitung befindlichen Nationalpark Hochharz mit einem entsprechenden Gegenstück auch in den Westharz fortzusetzen – ein wichtiger Durchbruch.

Doch noch im Mai überstürzten sich die politischen Ereignisse und nach der Landtagswahl fand ein Politikwechsel statt. Die CDU-Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht ging und neuer Ministerpräsident wurde der SPD-Politiker Gerhard Schröder. Am 7. Juni 1990 einigten sich SPD und Grüne in Niedersachsen auf die Bildung einer Koalitionsregierung; im Regierungsprogramm wurde u. a. vereinbart, dass auch in Niedersachsen ein Nationalpark im Harz eingerichtet werden solle. Dieser Passus im Programm spiegelte somit – wenn man die politische Vorgeschichte betrachtet – mehr oder weniger den gemeinsamen Willen der Bundesregierung, der seinerzeit noch amtierenden DDR-Regierung, aller im Niedersächsischen Landtag vertretenen Parteien und der Naturschutzverbände wider – eine ganz ungewöhnlich breite Basis. Vielleicht war dieser grenzübergreifende Wille, der dem damaligen Aufbruchgeist in Deutschland entsprach, auch eine der wichtigsten Grundlagen für den späteren Erfolg des gemeinsamen Nationalparks im Harz.

Im Dezember 1990 fand ein erster „Runder Tisch“ mit der Vorstellung des Untersuchungsraumes für einen Nationalpark im niedersächsischen Harz statt; den Entwurf hatte die Niedersächsische Fachbehörde für Naturschutz geliefert. Der vorgeschlagene Untersuchungsraum hatte eine Größe von ca. 26.000 ha. Diese Form der Öffentlichkeitsbeteiligung durch Runde Tische wurde dann während des gesamten Planungszeitraumes beibehalten.

Nach Forderungen der Naturschutzverbände wurde der Untersuchungsraum später im Norden und Süden um Buchenwaldbereiche wesentlich erweitert – insgesamt auf ca. 49.000 ha Fläche. Für diesen erweiterten Untersuchungsraum wurden im Laufe der Jahre 1991/92 verschiedene Bestandsaufnahmen zu den Themen Naturschutz, organisierter Sport, Tourismus, Wirtschaft und Verkehr durchgeführt.

Am 23.1.1992 verabschiedeten alle niedersächsischen Landtagsfraktionen den einstimmigen Beschluss, im Harz einen Nationalpark einzurichten.

Im Juni und Juli 1992 wurden die abgeschlossenen Bestandsaufnahmen bei Runden Tischen im Harz vorgestellt. Die Bestandsaufnahme Naturschutz war in enger Zusammenarbeit zwischen der niedersächsischen Landesforst- und Landesnaturschutzverwaltung sowie dem Nationalpark Hochharz erstellt worden. In der Bestandsaufnahme Naturschutz wurden alle bis dahin vorliegenden relevanten Informationen über Flora, Fauna und Lebensräume, die das Untersuchungsgebiet im Harz betrafen, eingearbeitet.

Blick in den „Brockenurwald“ –  Schmuckstück des Nationalparks. Foto: Dr. Reiner Cornelius

Einen wichtigen Teil der Bestandsaufnahme bildete die Waldbiotopkartierung des Niedersächsischen Forstplanungsamtes; außerdem wurde von der Fachbehörde für Naturschutz eine Luftbildbefliegung des Harzes veranlasst. Darüber hinaus wurden zwei Gutachten, eines zur Fauna und eines zur Flora und Vegetation der Fichtenwälder, in Auftrag gegeben. Als Ergebnis dieser Bestandsaufnahmen ergab sich eine Übersicht der im Untersuchungsraum vorhandenen Biotoptypen und ihrer Naturnähe. Diese Karte der Naturnähe bildete dann die wichtigste Grundlage für die spätere Nationalpark-Abgrenzung.

Im September 1992 wurde ein erster Abgrenzungsvorschlag („Staatssekretärsvorschlag“) an einem Runden Tisch der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Vorschlag war auf der Basis aller genannten Bestandsaufnahmen erarbeit worden und betraf eine Fläche von ca. 13.100 ha.

Im Oktober 1992 legten die Naturschutzverbände sowie auch die Grünen im Niedersächsischen Landtag Erweiterungsforderungen zu diesem ersten Abgrenzungsvorschlag vor. Diese Flächen lagen zum einen im Raum östlich von Bad Harzburg, im südlichen Schimmerwald und im Südharz zwischen Herzberg und Bad Lauterberg, um die dort vorhandenen naturnahen Buchenwälder mit einzubeziehen; zum anderen im Bereich westlich von Braunlage und am Breitenberg. Von den Naturschutzverbänden wurden außerdem Erweiterungen am Westhang des Ackers gefordert. Aufgrund dieser Erweiterungsvorschläge wurden neue Abgrenzungsalternativen in Abstimmung zwischen den beteiligten Ministerien – Landwirtschaft Wirtschaft und Umwelt – zur Lösung von Teilproblemen erarbeitet.

Parallel dazu wurde am Verordnungsentwurf für den Nationalpark gearbeitet. Auch bei der Ausarbeitung der Verordnungsentwürfe wurde bereits versucht, Anregungen und Bedenken, die beim Runden Tisch geäußert wurden, aufzugreifen. So wurde z. B. vorgesehen, das Baden im Oderteich und Silberteich auch weiterhin freizustellen. Auch die Nutzung der Wettkampfloipen wurde in den Entwürfen freigestellt, ebenso die Erhaltung und Nutzung der Rehbergabfahrt; auch sollte das Sammeln von Beeren und Pilzen in bestimmten Bereichen zu bestimmten Zeiten erlaubt sein.

Trotz dieser Kompromisse war der Widerstand aus der Bevölkerung gegen die Nationalpark-Pläne mittlerweile sehr stark geworden; auf dem Höhepunkt der Turbulenzen gründeten die Nationalpark-Kritiker zu Beginn des Jahres 1993 sogar einen eigenen Verein. Es gab nicht wenige Entscheidungsträger, die damals nicht mehr sicher waren, ob der Nationalpark Harz in Niedersachsen noch gegründet werden könnte. Im 2. Halbjahr 1992 und zu Anfang 1993 war die Spannung im Harz auf dem Höhepunkt – die Nationalpark-Gegner fuhren schweres Geschütz auf. Im Harzkurier vom 18. Dezember 1992 findet sich folgende Schlagzeile: „... Nationalpark gefährdet Arbeitsplätze – Langfristig wird keine Überlebenschance für die Wirtschaft im Harz gesehen“.

Aus heutiger Sicht wirken solche Behauptungen skurril – aber sie entsprechen der von interessierter Seite mit Ängsten geschürten Stimmung in diesen Monaten. Gegen diese Polemik kam die 1992 gegründete Nationalpark-Informationsstelle im Internationalen Haus Sonnenberg des Niedersächsischen Umweltministeriums nur schwer an. Auch die weitgehenden Zugeständnisse der Landesregierung, z.B. die Zusage zur Einrichtung einer neuen Biathlon-Wettkampfloipe in Sonnenberg als Ersatz für eine zu schließende Anlage auf dem Bruchberg (sog. „Loipenkompromiss“ vom Oktober 1992), hatten die Stimmung kaum beruhigen können.

Doch die Landesregierung blieb bei ihrer Linie und Ministerpräsident Schröder schaltete sich sogar persönlich ein. Auf einer Veranstaltung im Kurhaus von Bad Harzburg am 16. April 1993 hielt er eine Grundsatzrede und versicherte u.a.:

  • dass es für die Wirtschaftsbetriebe in der Nationalparkregion nicht nur Bestandsschutz, sondern klare Entwicklungsmöglichkeiten geben werde
  • dass der Nationalpark nicht zur Sperrung von öffentlichen Straßen führen werde und diese Tag und Nacht benutzbar bleiben würden
  • dass der Wurmberg nicht in den Nationalpark einbezogen werde
  • dass die Touristen- und Wettkampfloipen im Bestand garantiert und eine neue Biathlon-Wettkampfanlage am Sonnenberg errichtet werde
  • dass die speziellen Nationalpark-Erholungsbereiche Torfhaus, Oderbrück, Königskrug und Sonnenberg ausgewiesen würden
  • dass der Nationalpark für die Allgemeinheit zur Erholung zugänglich bleiben solle und künftig eine aktive Nationalpark-Umweltbildung für die Einheimischen und die Gäste betrieben werde.

Der Niedersächsische
Ministerpräsident
Gerhard Schröder
am 16.4.1993 in
Bad Harzburg.
Foto: Hansjörg Hörseljau

Damit war das Eis gebrochen; die Hannoversche Allgemeine Zeitung HAZ schrieb damals: „Staatssekretär und Ministerialdirigenten können noch soviel erläutern, argumentieren und zusichern – erst wenn der Ministerpräsident höchstselbst angereist kommt und mit anderen Worten dasselbe sagt, nicken die Harzer halbwegs zufrieden mit den Köpfen.“

Im Sommer 1993 wurden der Entwurf der Nationalparkverordnung sowie die abgestimmte Abgrenzung einer Fläche von 16.300 ha vom Kabinett gebilligt. Danach wurde die Nationalparkverordnung öffentlich ausgelegt, um den Betroffenen Gelegenheit zur Stellungnahme sowie für Anregungen und Bedenken zu geben. Die öffentliche Auslegung fand von Anfang August bis Mitte September statt.

Aufgrund der geäußerten Anregungen und Bedenken wurden noch Modifikationen in der Abgrenzung vorgenommen. So wurde östlich von Bad Harzburg die Nationalparkgrenze hinter die Zufahrtsstraße zur Pappenfabrik verlegt. Der gesamte Bereich des Kirchberges wurde ebenfalls herausgenommen, da sich hier noch Schwerspatvorkommen befinden, die möglicherweise noch bergmännisch zu gewinnen wären. Um den Herzberger Ortsteil Lonau wurde eine ortsfernere Abgrenzung vorgenommen.

Im Oktober und November 1993 wurden nach Erörterung der eingegangenen Bedenken und Anregungen sowohl die Nationalpark-Verordnung als auch die räumliche Abgrenzung endgültig beschlossen – der Park umfasste damit in der Planung eine Fläche von 15.800 ha.

Im Zuge der Diskussion wurde der zunächst geplante Name „Nationalpark Niedersächsischer Harz“ noch in letzter Minute geändert; der neue Name „Nationalpark Harz“ deutete besser an, dass es später wünschenswert wäre, einen einheitlichen Park im Harz einzurichten. Das wurde von vielen Akteuren schon damals als Ziel benannt.

Am 21.12.1993 erfolgte die Veröffentlichung der Verordnung zum Nationalpark Harz im Niedersächsischen Gesetz- und Verordnungsblatt Nr. 34/1993. Die Verordnung zum Nationalpark Harz trat am 1.1.1994 in Kraft.

Nun war der Nationalpark Harz als 11. deutscher Nationalpark Wirklichkeit geworden – vier Jahre nach der Initialzündung des Nationalparks Hochharz und nach vielen Jahren schwieriger gesellschaftlicher Debatte im Harz und im ganzen Land Niedersachsen. Mancher glaubte schon gar nicht mehr daran, andere hofften immer noch, es möge nicht wahr sein...

Die Stimmung bei den „Macherinnen und Machern“ des Nationalparks Harz – eine eigene Verwaltung im heutigen Sinne gab es ja in den ersten Monaten noch gar nicht – schwankte zwischen der Erleichterung darüber, es endlich geschafft zu haben, und der Ungewissheit, wie es konkret weitergehen könnte und wer in die neue Verwaltung übernommen würde.

Die Nationalparkverwaltung Harz bestand vor Ort in den ersten Monaten des Jahres zunächst nur aus der Nationalpark-Informationsstelle Harz im Internationalen Haus Sonnenberg als Teil der Nationalpark-Planungsgruppe und dem „Noch-Forstamt“ Oderhaus.

Pünktlich zum 1. Januar 1994, im tiefsten Winter, gemeinsam mit dem Landesverband Niedersachsen des Bundes für Umwelt und Naturschutz e.V. und bei aktiver Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung des Nationalparks Harz e.V. wurde das neue und erste Nationalparkhaus in Torfhaus  aufgebaut – kein leichtes Unterfangen, sachlich und personell. Das Haus befand sich als kaum heizbares Provisorium im Gebäude  von „Heinrichs Alter Hütte“ am Beginn des Goetheweges zum Brocken. Hier konnte die Öffentlichkeit Informationen zum Nationalpark Hochharz und die Nationalpark-Verordnung „Harz“ erhalten.

Winter, Frühling und Sommer des neuen Schutzgebietes zogen sich unendlich lange hin – es war sehr schwer, der Öffentlichkeit auf die sich allseits aufdrängende Frage „Wie geht es mit dem Nationalpark Harz weiter?“ sinnvolle Antworten zu geben, denn wir hatten damals kaum mehr als nur die neue Nationalpark-Verordnung in der Hand.

Am 25. August 1994 war es dann endlich soweit – die Niedersächsische Umweltministerin Monika Griefahn eröffnete die neue Nationalparkverwaltung in Oderhaus offiziell. Aber da waren wir schon mitten in der Arbeit: Auf- und Ausbau der Verwaltung, Stellenausschreibungen, Nationalpark-Beirat, Kinder- und Jugendgruppenarbeit, Offene Werkstatt in der Rathausscheune Sankt Andreasberg, Nationalpark-Begrüßungsschilder und Aufbau einer Nationalpark-Werkstatt, FÖNAD-Mitgliedschaft ... Vieles musste gleichzeitig angeschoben werden.

Die Fusion ist vollbracht – die Ministerpräsidenten Christian Wulff und Prof. Dr. Wolfgang Böhmer am 5.1.2006 in Wernigerode. Foto: Siegfried Richter

Es war auch ein alter historischer Traum Wirklichkeit geworden, denn im damaligen Preußen wurde seit spätestens 1898 über die Einrichtung von Nationalparken debattiert, auch und gerade im Bereich rund um den norddeutschen Symbolberg, den Brocken. Knapp 100 Jahre später ist es soweit.

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