Nationalparks in Deutschland

Die Entwicklung der Wälder wird durch natürliche Ereignisse gesteuert, die gemeinhin auch als „Katastrophen“ wahrgenommen werden können.

Diese Ereignisse können aus der Lebensgemeinschaft des Waldes selbst kommen oder von außen auf ihn einwirken, also endogenen oder exogenen Ursprungs sein. Sie können darüber hinaus biotischer oder abiotischer Natur sein. Stürme, Schnee- und Eisbruch, Lawinenstriche, Dürre, Überflutungen in Auwäldern und Feuer zählen zu den wesentlichen äußeren und abiotischen Störungen, die das Leben der Wälder beeinflussen und verändern.

Zu den aus den Waldökosystemen selbst entstehenden „Störungen“ zählen vor allem Massenvermehrungen von Insekten wie zum Beispiel des Fichtenborkenkäfers, aber auch die Nutzung von Pflanzen und Pflanzenbestandteilen durch die unterschiedlichsten Pflanzenfresser (Herbivoren). Deren Raum- und Nahrungsnutzung wird wiederum gesteuert durch die Anwesenheit von Fleischfressern (Carnivoren).

In bewirtschafteten Wäldern gelten alle diese natürlichen „Störungen“ der Waldentwicklung als Gefahr und Katastrophe aufgrund der teilweise massiven Beeinträchtigung oder Veränderung der Holzproduktion, auf die das wirtschaftliche Handeln von Waldbesitzern ausgerichtet ist. Was diese „Störungen“ für nicht bewirtschaftete Wälder als multivariable Steuerungselemente bedeuten, haben wir allerdings durch die vollständige wirtschaftliche Nutzung unserer Wälder verlernt.

Nationalparks bieten daher sowohl Waldeigentümern als auch Förstern und an ursprünglicher Natur interessierten Menschen die Gelegenheit, zu erleben und zu lernen, wie Wälder sich in einem Netzwerk unterschiedlichster Waldentwicklungsphasen selbst steuern und entwickeln. Aus diesem Erleben der natürlichen Vorgänge kann erfahren werden, dass es Katastrophen in der Natur nicht gibt, sondern nur Ereignisse, die den Verlauf der Dinge immer wieder beeinflussen und verändern und damit Garanten biologischer Vielfalt sind. Zu „Katastrophen“ werden solche Ereignisse nur durch die Bedrohung der vom Menschen geschaffenen Werte oder durch die Gefährdung wirtschaftlicher Interessen.

Die Randzone des Nationalparks Bayerischer Wald (5.350 Hektar/22 Prozent der Nationalparkfläche) erstreckt sich entlang des gesamten deutschen Teils der Nationalparkgrenze. Dort werden dauerhaft alle Maßnahmen durchgeführt, um die an den Nationalpark angrenzenden Wälder vor Schäden zu bewahren, die durch natürliche Waldentwicklung in der Naturzone entstehen. Ein zentraler Bestandteil der Aktivitäten ist die Überwachung und Bekämpfung des Borkenkäfers, um seine Entwicklung im Randbereich des Nationalparks einzuschränken und damit ein Übergreifen auf angrenzende Wälder zu verhindern. Zu diesem Zweck wurde eine Mindestbreite von 500 m für die Randzone festgelegt und der Zugang zu diesem Bereich durch ein Netz von Forststraßen und Rückewegen (forstwirtschaftliche Wege zum Transport gefällter Bäume) sichergestellt.

Im Zeitraum von April bis Oktober werden befallsgefährdete Fichten regelmäßig kontrolliert und befallene Bäume entnommen. Sofern dabei eine größere Menge an Bäumen eingeschlagen werden muss und die Böden ausreichende Stabilität aufweisen, wird das anfallende Holz abtransportiert und verkauft. Aus Gründen des Bodenschutzes kann das Holz auch von Hand entrindet und auf der Fläche belassen werden. Dies ist insbesondere auf Sonderstandorten wie Felsen und nassen Böden der Regelfall. Müssen auch hier die Bäume abtransportiert werden, kommen Hubschrauber und Seilkräne zum Einsatz. Dadurch werden der Waldboden und die Naturverjüngung geschont.

In der „Naturzone“, der Kernzone des Nationalparks, sind dagegen keinerlei menschliche Eingriffe vorgesehen; die einzigen Ausnahmen stellen die in den Hochlagen eventuell notwendige Unterstützung einer natürlichen Walderneuerung und Gründe der Verkehrssicherungspflicht dar.

In den Jahren 1983 und 1984 fällten orkanartige Stürme auf einer Fläche von über 170 Hektar zahlreiche Bäume, insbesondere in fichtenreichen Beständen. Etwa die Hälfte der gesamten Windwurffläche lag in der Naturzone und wurde dort gemäß der Leitlinien des Nationalparks nicht aufgearbeitet. Das so entstandene Brutraumangebot führte zu einer Massenvermehrung des Buchdruckers (Ips typographus), die letztendlich auch den Befall gesunder Fichten zur Folge hatte. Nachdem die Buchdrucker-Aktivität Anfang der 1990er-Jahre zunächst zurückging, nahm sie in den darauffolgenden Jahren (unter anderem aufgrund günstiger Witterungsbedingungen) wieder stark zu. Das umfangreiche Monitoring der betroffenen Flächen zeigte, dass das Absterben der Fichten zu einer natürlichen Verjüngung des Waldes führte bzw. diese beschleunigte. Darüber hinaus wirkten sich das hohe Totholzaufkommen und die Auflichtung des Waldes auch auf viele andere Arten positiv aus. So fanden hier zum Beispiel Blütenpflanzen, holzzersetzende Pilze und holzbewohnende Insekten einen günstigen Lebensraum vor.

Mittlerweile ist in den Hanglagen ein natürlicher Mischwald an die Stelle der fichtendominierten Bestände getreten, in den Hochlagen hat sich der natürliche Fichtenwald mit Vogelbeere erneuert. Die Borkenkäferzahlen sind seit einigen Jahren rückläufig. Da es durch die abgestorbenen Waldflächen zu keiner Beeinträchtigung des Tourismus kam, geht die Zahl der Kritiker an der „Tatenlosigkeit“ der Nationalparkverwaltung deutlich zurück.

Weitere Nationalparke für Deutschland?! Argumente und Hintergründe mit Blick auf die aktuelle Diskussion um die Ausweisung von Nationalparken in Deutschland

Das Bundesamt für Naturschutz hat eine Zusammenstellung von Hintergründen und Informationen zu folgenden Themen im Hinblick auf Nationalparks verfasst: Nationale Naturschutz-Ziele Schutz und Förderung natürlicher bzw. ungelenkter Prozesse Freilandlabor und Lernort für natürliche biologische Prozesse — auch im Hinblick auf den Klimawandel Schutz der Biodiversität und besonderer Lebensräume Gebietsgröße von Nationalparken und deren Kernzonen Bildung […]


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