Nationalparks in Deutschland

Ein Land darf sich erst dann wirklich als kultiviert oder zivilisiert bezeichnen, wenn es seiner Wildnis genug Bedeutung schenkt.

Der Begriff „Wildnis“ wird sehr vielfältig verwendet. Wildnis im Zusammenhang mit großen Gebieten, um die es im Falle von Nationalparks geht, wird oft mit fernen, schwer zugänglichen Gegenden in Verbindung gebracht. Diese erwecken, wie etwa der Amazonasregenwald, den Eindruck, frei von menschlichem Einfluss zu sein. In Mitteleuropa können dieser Vorstellung von Wildnis höchstens noch die Hochgebirge ansatzweise entsprechen. In Deutschland kann großflächige Wildnis nur als „Sekundärwildnis“, „aus der Kultur heraus“ entstehen, d. h. mehr oder weniger naturnahe Kulturlandschaften können aus der Nutzung genommen, als Nationalparks geschützt und fortan als Wildnis wahrgenommen werden.

In diesem Zusammenhang ist insbesondere das Konzept des Prozessschutzes von Bedeutung, in dessen Mittelpunkt die „Dynamik des Naturgeschehens“ steht. Durch Prozessschutz werden natürliche Abläufe geschützt und somit „ungestörte Entwicklungsbedingungen für Arten und Lebensräume ermöglicht“. In den Kernzonen der Nationalparks sind daher steuernde Eingriffe nicht zulässig. In den Entwicklungszonen oder Zonen mit temporärem Management sind steuernde Eingriffe wie beispielsweise die Jagd oder vorbereitende Maßnahmen wie ein Waldumbau in Abhängigkeit von den Gegebenheiten jeweils sorgfältig zu diskutieren und zu entscheiden.

Wildnis entwickelt sich in Nationalparks als Ergebnis des konsequenten Prozessschutzes. „Natur Natur sein lassen“ beschreibt diesen Weg, der Natur wieder ihre Freiheit zu schenken, sich nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten zu entwickeln, nicht nach einem von Menschen vorgedachten oder geplanten Ziel.

Der Begriff „Wildnis“ kann nicht wissenschaftlich definiert werden. Er beschreibt die für jeden Menschen individuelle persönliche Beziehung zu einer nicht reglementierten Natur. Wildnis vermittelt eine Erfahrung von Schönheit, Kraft, Vitalität und Lebensfülle einer Natur, die für den Menschen gleichzeitig natürliche Umwelt und Grundlage seiner eigenen Existenz ist. Die in der Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS) verwendete Definition lautet: „Wildnisgebiete i. S. der NBS sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.“

Auch in den alten Kulturlandschaften der deutschen Nationalparks ist die Natur imstande, nach Aufgabe jeder menschlichen Steuerung und Nutzung Wildnis neu entstehen zu lassen. Wildnis ist damit eine große Herausforderung, uns von den gewohnten Bildern einer gepflegten und genutzten Landschaft zu lösen und die alten Klischees einer vermeintlich unaufgeräumten, „verwilderten“ und damit wertlosen Landschaft, die amtlich einst mit dem Begriff „Unland“ bezeichnet wurde, hinter uns zu lassen. Die ungesteuerte freie Entwicklung der Natur, immer wieder neu und überraschend, geprägt von natürlichen Ereignissen, die wir gemeinhin als Störungen oder gar Katastrophen (zum Beispiel Lawinen, Windwurf, Borkenkäferbefall) bezeichnen, ist eine für uns in Deutschland neue Erfahrung, da unsere ursprüngliche Wildnis bis auf wenige rudimentäre Kleinflächen verschwunden ist. Alles ist wichtig in der Wildnis – nützlich oder schädlich, positiv oder negativ gibt es nicht. Als Menschen sind wir eingeladen, an der Freiheit allen Lebens in der in den Nationalparks entstehenden Wildnis teilzunehmen, als gerne gesehener Gast.

Wildnis gibt uns einen ungeschminkten Einblick in das Leben um uns, zeigt uns ursprüngliche Schönheit in großen Naturereignissen und öffnet unsere Sinne für die unendlich vielfältige Anmut der oft unbeachteten kleinen Mitgeschöpfe. Sie lässt uns die Ethik Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ besser verstehen, dass wir selbst nur „Leben sind, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.

„Nimm nichts mit als deine Eindrücke, hinterlasse nichts als deine Fußabdrücke“ ist ein wichtiger Leitsatz für unsere Besuche in dieser Wildnis Nationalpark.

 

Die in den jeweiligen Nationalparkgesetzen, -verordnungen oder -Managementplänen ausgewiesenen Prozessschutzflächen liegen in den meisten Fällen deutlich unter dem von der Internationalen Union zum Schutz der Natur (IUCN) vorgeschriebenen Flächenanteil von 75 Prozent. Als erster und bisher einziger deutscher Nationalpark erhielt der Nationalpark Kellerwald-Edersee im Jahr 2011 ein Zertifikat als IUCN-Schutzgebiet der Kategorie II – unter anderem deshalb, weil hier das Kriterium einer Prozessschutzzone von mindestens 75 Prozent der Parkfläche bereits erreicht war. Mit Stand März 2015 betrug der Naturzonenanteil sogar 92 Prozent.

Besonders positiv im Hinblick auf Prozessschutz wurde bei der im Jahr 2013 erfolgten Evaluierung der Nationalparks auch der Nationalpark Eifel bewertet. Der Prozessschutz hat hier laut Nationalparkverordnung eindeutig Vorrang vor allen anderen Aufgaben wie Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, Naturerlebnis und Forschung. Mit über 6.300 Hektar beträgt der Anteil, in der kein Management mehr stattfindet, bereits 58 Prozent der gesamten Nationalparkfläche (Stand: 2014). Bis spätestens 2034, also 30 Jahre nach Ausweisung des Nationalparks, soll dieser Anteil auf 75 Prozent erhöht werden. Darüber hinaus wird eine weitere Ausweitung der Prozessschutzfläche auf insgesamt 87 Prozent (mehr als 9.400 Hektar) angestrebt, die aber voraussichtlich erst nach 2034 erreicht werden kann.

Wildnisgebiete

Diese Webseite des BfN informiert über die aktuelle Situation der Wildnisgebiete in Deutschland und bietet eine Begriffsdefinition.

Wald- und Wildmanagement auf DBU Naturererbeflächen

Dr. H. Otto Denstorf stellt das  Wald- und Wildmanagement auf den DBU-Naturerbeflächen vor, dessen Prinzip die Weiterentwicklung des Waldökosystems zu mehr Naturnähe ist. Dies soll durch verschiedene Maßnahmen erreicht werden, die sich nach dem Entwicklungsstand des jeweiligen Waldgebiets richten und von der eingriffslosen natürlichen Entwicklung bis hin zu langjährigen Umbaumaßnahmen reichen.

Die Wildnisidee

Theoretische Betrachtung des Naturschutzkonzepts „Wildnis“ von einem kulturhistorischen Blickwinkel.

Warum brauchen wir Wildnis?

Beitrag aus dem Buch „Wagnis Wildnis. Wildnisentwicklung und Wildnisbildung in Mitteleuropa“, der aus kulturhistorischer, naturwissenschaftlicher und psychologischer Sicht die Bedeutung von Wildnis aufzeigt.

Potenzial und Dynamik der Kohlenstoffspeicherung in Wald und Holz: Der Beitrag des deutschen Forst- und Holzsektors zum Klimaschutz.

Der Beitrag stellt Ergebnisse des Projekts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „Potenzial und Dynamik der Kohlenstoffspeicherung in Wald und Holz“ vor. Anhand repräsentativer Modellbestände und komplexer Modellierungsansätze wurde die CO2-Senken- und Quellenwirkung bei unterschiedlich intensiven Nutzungseingriffen sowie dem Nutzungsverzicht für den Forst- und Holzsektor in Deutschland hergeleitet. Als Holzverwendung wird im Folgenden hypothetisch eine […]

Artenvielfalt und Nationalpark? — Erkenntnisse aus der Naturwaldforschung

Neben einer kritischen Betrachtung von Artenzahlen als Indikatoren für den Zustand von Ökosystemen, vergleicht P. Balcar verschiedene europäische Naturwälder mit bewirtschafteten Vergleichsflächen. Die Bedeutung von Großschutzgebieten als Refugium für (seltene) Arten wird unterstrichen. Abgeänderte Version vom Artikel: „Dient Stilllegung von Wald auch wirklich dem Naturschutz? Naturwaldforschung zur Artenvielfalt im Natur- und Wirtschaftswald“.

Unbewirtschaftete Waldflächen sind europaweit artenreicher

In diesem Artikel wird mit Bezug auf die Studie von Paillet et al. (2010) das Ergebnis höherer Artenzahlen in ungenutzten Wäldern diskutiert und mit regionalen Beispielen aus Deutschland belegt. Totholz als wichtiger Faktor für eine große biologische Vielfalt wird betont.


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